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Olympia: Seider-Ansage! "Wir haben die beste Nationalmannschaft, die es jemals gab"

„Ich muss jetzt nirgendwo rumbrüllen“

Moritz Seider spricht im SPORT1-Interview über den Olympia-Start, die Rolle von Leon Draisaitl als Kapitän, seinen eigenen Stil als Führungsspieler und die Chancen gegen die Top-Nationen.
Moritz Seider bekräftigt im SPORT1-Interview die Qualität der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft - und spricht auch über die heimischen Fans bei Olympia in Italien.
Moritz Seider spricht im SPORT1-Interview über den Olympia-Start, die Rolle von Leon Draisaitl als Kapitän, seinen eigenen Stil als Führungsspieler und die Chancen gegen die Top-Nationen.

Der Olympia-Auftakt ist gelungen, doch die großen Herausforderungen kommen erst noch. NHL-Profi Moritz Seider möchte mit der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei den Winterspielen in Mailand nach Edelmetall greifen.

Im SPORT1-Interview spricht der Verteidiger über die neue Hierarchie im DEB-Team, das USA-Duell mit seinem Detroit-Kapitän Dylan Larkin – und darüber, wie realistisch die deutschen Medaillenhoffnungen wirklich sind.

Olympia: Top-Start für Deutschland! „Echt super aufgespielt“

SPORT1: Der Olympia-Auftakt gegen Dänemark ist geglückt. Wie zufrieden sind Sie neben dem Ergebnis (3:1-Sieg) mit der Leistung der Mannschaft?

Moritz Seider: Es war ein super Start, vor allem die ersten zehn Minuten. Wir haben echt super aufgespielt mit viel Tempo und direkt schon mal gezeigt, in welche Richtung das gehen kann. Danach sind wir ein bisschen von unserem Spiel abgekommen, haben dann aber sehr gute Adjustments gemacht. Im zweiten und dritten Drittel haben wir das Spiel sehr, sehr ordentlich kontrolliert. Wir haben viel die Scheibe gehabt und auch schon die ein oder andere gute Aktion im Powerplay setzen können. Natürlich haben wir auch einen super Torwart. Aber wir können sehr zufrieden sein mit dem Ergebnis und auch der Leistung.

SPORT1: Ihre Freundin Anna Seidel (dreimalige Olympiateilnehmerin im Shorttrack) meinte während der TV-Übertragung über Ihre Mannschaft: „Einzeln sind sie alle super, aber sie müssen sich im Team zurechtfinden.“ Wie weit ist die Mannschaft bereits?

Seider: Ich glaube, wir sind da schon relativ gut. Es waren echt gute Spielzüge schon dabei. Wir haben sehr ordentlich agiert und finden uns auch im Training immer besser zurecht. Ich muss ehrlich sagen: Wir sind schon sehr, sehr weit und das sieht relativ gut aus.

Der deutsche NHL-Trumpf! „Absolute Gamechanger-Momente“

SPORT1: Im Powerplay gegen Dänemark ist aufgefallen, dass Sie direkt mit der kompletten NHL-Formation auf dem Feld standen. Stützle, Peterka, Samanski, Draisaitl und Sie. Kann das gegen die Top-Teams zum Schlüssel werden?

Seider: Ja, vor allem bei solchen Turnieren. Überzahl, Unterzahl und die Torhüter: Das sind so absolute Gamechanger-Momente. Die wollen wir auf unsere Seite reißen. Und da sehen wir große Verantwortung drin, auch natürlich dann abzuliefern. Für solche Momente wollen wir natürlich da sein. Wir haben krasse Power im Powerplay. Schon in der ersten Überzahl, wo wir nicht getroffen haben, haben wir sehr viel Druck gemacht. Wenn mir die Scheibe mir nicht über den Schläger rutscht nach dem Pass von Timmy (Stützle), dann kann es da vielleicht schon das erste Tor geben. Da sind natürlich auch sehr, sehr viele Augen auf Leon gerichtet. Und der hat natürlich auch einfach die Qualität, zu verteilen. Dann sind wir auch einfach vier sehr gute Jungs drumherum, die die Scheibe ins Tor schießen können.

SPORT1: Die Kapitänsthematik ist ja bereits ausgiebig diskutiert worden. Fest steht, dass Leon Draisaitl neuer Kapitän der Mannschaft ist. Wie ist er als Leader? Ist er der Stille, der mit gutem Beispiel vorangeht oder wird er auch mal zum Lautsprecher?

Seider: Es gibt natürlich immer Momente, wo was gesagt werden kann oder auch werden muss. Da hat keiner die Angst, etwas zu sagen. Wir sind 23 erwachsene Leute, die überall Führungsrollen übernehmen in ihren eigenen Vereinen. Jeder sagt, was er denkt. Ich würde Leon trotzdem eher als ruhigeren Kapitän beschreiben. Aber wir haben trotzdem mit Moritz Müller, Kai Wissmann, Jonas Müller und Marc Michaelis Jungs dabei, die selbst Kapitäne in ihren eigenen Vereinen sind. Wenn da jemand was sieht, dann sagt er das. Da brauchen wir nicht immer nur auf die drei Jungs hören, die jetzt einen Buchstaben haben. Das verteilt sich sehr, sehr gut.

SPORT1: Wie definieren Sie Ihre Rolle dahinter?

Seider: Einfach Spaß haben an der ganzen Sache. Es sind die ersten Spiele für mich. Also sollte man das Ganze erstmal genießen und dann versuchen, dass die Jungs gut ankommen. Dass jeder sich mit jedem gut versteht. Dass man weiß, dass man Fragen stellen kann, dass man auch mit Problemen zu uns kommen kann. Ein Bindeglied zu sein, das ist meine Aufgabe. Und auf dem Eis will ich einfach mit einem guten Beispiel vorangehen. Ich muss jetzt nirgendwo rumbrüllen, also da bin ich jetzt nicht unbedingt der Typ dafür. Ich würde einfach sagen, gute Laune verbreiten und dafür zu sorgen, dass die Jungs gut drauf sind, das ist mein Job.

NHL-Stars feiern Olympia: „Das alleine sollte Zeichen genug sein“

SPORT1: Es sind nicht nur für Sie die ersten Olympischen Spiele. Bei den letzten beiden Turnieren wurden NHL-Spieler generell nicht abgestellt. Wie optimistisch sind Sie, dass es in Zukunft weiterhin klappt mit den Abstellungen?

Seider: Man hofft natürlich immer darauf, dass wir das große Glück haben dürfen, immer dabei zu sein. Es liegt nicht in unserer Hand, aber wir werden natürlich immer alles dafür tun, dass wir die Chance bekommen, dabei sein zu dürfen, und das auch immer wieder erwähnen. Man sieht, wie viel Freude die Jungs haben. Und wie viele lachende Gesichter man im Dorf sieht. Das alleine sollte Zeichen genug sein.

SPORT1: Alle sind sich einig, dass Sie die beste deutsche Eishockey-Nationalmannschaft aller Zeiten sind. Wer aber eine Medaille von Ihnen erwartet, vergisst vielleicht, dass auch die Top-Nationen um Kanada und die USA zum ersten Mal seit Jahren ihre besten Mannschaften am Start haben – und die können aus einem ganz anderen Talente-Pool schöpfen. Ist die Erwartungshaltung in Deutschland aktuell unverhältnismäßig hoch?

Seider: Ich würde das genauso unterschreiben, wie Sie es gesagt haben. Ja, ich denke, wir haben die beste Nationalmannschaft, die es jemals gab. Aber genauso geht es allen anderen Mannschaften. Team Finnland, Schweden, USA, Kanada, die Jungs sind natürlich alle voll besetzt. Man hat damals schon gesehen beim 4-Nations-Turnier, mit wie viel Tempo die aufs Eis kommen können. Das wird eine extreme Challenge für uns, da über 60 Minuten mithalten zu können. Dann wird man erstmal sehen, wo man steht. Deswegen sollte man so ein Turnier nicht immer nur an Platzierung festmachen, sondern einfach auch an der Leistung. Wenn man sich super verkauft und am Ende dann gegen den großen Gegner ausscheidet, dann war es keine Enttäuschung. Sondern dann hat man viel richtig gemacht. Und das hoffen wir natürlich, dass wir den Leuten das auch ein bisschen mit auf den Weg geben können.

„Da wird man auch selbst einfach wieder zum Fan“

SPORT1: Sie kennen die internationalen Superstars der anderen Nationen aus der NHL. Sei es ein Sidney Crosby, oder Connor McDavid: Wer ist am schwierigsten zu verteidigen?

Seider: Wenn man da nicht Connor McDavid, oder Nathan McKinnon nennt … ich weiß nicht, dann lebt man vielleicht in der falschen Welt. Das sind Spieler, die können den absoluten Unterschied ausmachen und davon haben die beiden Mannschaften (Kanada & USA) vier Reihen. Das wird spannend. Ich muss zugeben: Da wird man auch selbst einfach wieder zum Fan und schaut sich die Spiele mit viel Spannung und Vorfreude an. Umso mehr würde ich mich freuen, wenn man in solchen Spielen auf dem Eis stehen kann.

SPORT1: Sie haben es angesprochen, die Top-Nationen haben vier Reihen mit NHL-Qualität, Deutschland hat nur etwas mehr als eine mit NHL-Erfahrung. Kann der Unterschied in der Kaderbreite ausschlaggebend sein? Zumal die Belastung mit den zahlreichen Spielen in kurzer Zeit auch nicht förderlich ist. Es könnten sieben Spiele in elf Tagen werden, das geht natürlich auch auf den Körper.

Seider: Absolut, aber dafür sind wir Profis genug. Dafür rackern wir uns den ganzen Sommer den Arsch ab, dass wir in solchen Momenten da sein können. Da wird jeder fit sein, da gibt es keine Ermüdung. Wir haben aber trotzdem gesagt, wir brauchen alle vier Reihen. Sonst wird es nicht funktionieren. Es kann nicht nur auf Leons Schultern oder Timmys Schultern liegen - oder auch auf Grubis Schultern. Wir brauchen alle Jungs dafür. Das war eine sehr wichtige Message, die wir in der Kabine erstmal loswerden mussten.

Eis-Ärger? „Es gibt keine Ausreden“

SPORT1: Die Eisfläche in Mailand ist ein bisschen kleiner als in der NHL. Macht das einen Unterschied?

Seider: Ja, einen Meter oder so. Man spürt davon eigentlich gar nichts. Es fühlt sich an wie drüben in den USA. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass die gleich groß sind, würde ich das auch unterschreiben. Ich spüre tatsächlich keinen Unterschied.

SPORT1: Und wie verhält sich das mit dem Eis? Da gab es zuletzt immer mal Beschwerden, dass es zu weich sei. Ist Ihnen das auch so aufgefallen?

Seider: Das kann ich so unterschreiben. Aber es bringt nichts, wenn wir uns jetzt jeden Tag über das Eis aufregen. Ist es das beste Eis, auf dem wir gespielt haben? Absolut nicht. Ist es wahrscheinlich eine der schlechtesten Eisflächen, auf der wir waren? Vielleicht. Aber es ist für alle gleich, deswegen gibt es keine Ausreden. Wir wollen trotzdem attraktives Eishockey spielen. Deswegen haben wir für uns einfach beschlossen: Wir reden nicht mehr über das Eis. Wir akzeptieren es so wie es ist und machen das Beste draus. Ändern können wir es nicht und besser werden wird es wahrscheinlich auch nicht. Wir nehmen es, wie es kommt, und machen das Beste draus.

Olympia-Hype? „Das ist jetzt die perfekte Gelegenheit“

SPORT1: In der jüngeren Vergangenheit schafften es die deutschen Nationalmannschaften im Basketball und Handball, einen Hype in Deutschland zu entfachen. Wie gelingt Ihnen das bei den Olympischen Spielen?

Seider: Wir müssen uns einfach nur verkaufen, so wie wir uns immer verkaufen. Mit viel Stolz, mit viel Leidenschaft. Und dass wir es nicht als selbstverständlich ansehen, dass wir den Bundesadler auf der Brust tragen dürfen. Dass wir den Fans vermitteln, dass es nicht immer nur um absolute Starpower geht, sondern um den Teamcharakter und Eigenschaften wie Stolz, Wille und Leidenschaft. Sowas verkörpert die Nationalmannschaft eigentlich immer 1A. Und dann wollen wir natürlich auch attraktives Eishockey spielen. Wir wollen die Leute begeistern. Wir wollen zeigen, dass wir ja irgendwo und irgendwann bei den Großen mithalten wollen. Das ist jetzt die perfekte Gelegenheit, um natürlich auch so ein bisschen einen Namen für sich zu machen.

SPORT1: Sie sind im Olympischen Dorf, Kanada ist ins Fünf-Sterne-Hotel abgehauen. Wie finden Sie die Stimmung vor Ort und können Sie die Entscheidung der Kanadier nachvollziehen?

Seider: Es ist mega cool. Man sieht die ganzen anderen Sportler, man sieht die ganzen anderen Eishockeyjungs. Haben wir alle schon besser übernachtet? Auf jeden Fall. Wäre es schön, wenn es vielleicht das ein oder andere abwechslungsreichere Essen gibt? Das unterschreibe ich auch. Aber es ist wie mit dem Eis, über das wir gesprochen haben: Wir können es nicht ändern, also machen wir das Beste draus. Und wir haben trotzdem eine Menge Spaß zusammen. Wir sind natürlich auch viel in der Stadt unterwegs und wollen die sehen, auch die Fans drumherum und was denn so in der Stadt passiert. Deswegen ist alles gut so, wie es ist. Wir freuen uns auf jeden Fall, einfach da sein zu können.

Seider trifft alten Schulkameraden im Olympischen Dorf

SPORT1: Das Olympische Dorf scheint ja sogar ein Hotspot zu sein, um alte Schulfreunde zu treffen. Sie sind dem Eisschnellläufer Moritz Klein über den Weg gelaufen, mit dem sie in Erfurt zur Schule gingen.

Seider: Absolut. Absolut cool, dass man jetzt mit einem ehemaligen Klassenkameraden bei den Olympischen Spielen an den Start geht. Unsere Eltern haben sich auch schon verabredet für die nächsten Tage, dass die sich mal wieder sehen können. Und jetzt heißt es natürlich irgendwie zu schauen, ob es klappt, dass man natürlich auch noch einen Lauf von ihm miterleben kann. Das wäre ziemlich cool.

SPORT1: Wie darf man sich das erste Treffen vorstellen? Hatten sie auf dem Schirm, dass sich Moritz Klein für Olympia qualifiziert hat?

Seider: Also ich wusste schon, dass er es geschafft hat. Aber wir haben vorher keinen Kontakt gehabt und uns dann direkt am ersten Tag in der Mensa gesehen. Es war schon ein echt lustiger Anblick, wenn man das von Weitem so betrachtet hat. Zwei fassungslose Gesichter, die sich da getroffen haben. Und dann haben wir einfach lange erzählt, viel gequatscht, haben zusammen Mittag gegessen und jetzt drückt man natürlich auch noch den Eisschnellläufern mit einem ganz anderen Auge die Daumen.

Besonderes Duell für Seider bei Deutschland vs. USA

SPORT1: Am Sonntag steht gegen die USA der große Härtetest an. Sie spielen dabei auch gegen Ihren eigenen Kapitän aus Detroit, Dylan Larkin. Komisch, oder?

Seider: Ja, es wird auf jeden Fall komisch, aber wir haben schon viele Späße drüber gemacht. Deswegen: Ich freue mich unheimlich auf die Aufgabe. Er ist natürlich auch ein extrem guter Spieler, der es verdient hat, jetzt dabei sein zu dürfen. Über Jahre hinweg hat er immer super Leistung gebracht und ich freue mich auf jeden Fall sehr auf das Matchup.

SPORT1: Wie kann man die USA ärgern?

Seider: Wir müssen sehr strukturiert spielen, die Scheiben auch einfach mal rauschippen und geduldig warten auf Möglichkeiten, dürfen dann aber auch nicht zu passiv werden. Und wir müssen mutig nach vorne spielen, die Chancen so nehmen, wie sie kommen und eiskalt in Überzahl sein und wenig Strafen bekommen.

So sieht Seiders Zielsetzung für Olympia aus

SPORT1: Wovon machen Sie abhängig, ob Olympia für die deutsche Eishockeynationalmannschaft ein Erfolg wird?

Seider: Wenn wir am Ende des Tages in den Spiegel schauen können und sagen können: Hey Jungs, wir haben alles gegeben und wir haben alles erreicht und haben unser bestmögliches Eishockey gespielt, dann bin ich damit sehr zufrieden. Und wenn es dann heißt, nach dem Viertelfinale ist Schluss, dann ist nach dem Viertelfinale Schluss. Aber wenn es weitergehen sollte, dann ist es auch schön. Manchmal braucht man auch ein bisschen Glück am Ende des Tages und hoffentlich ist das auf unserer Seite, damit wir dann ein bisschen eine Geschichte schreiben können.

SPORT1: Ist das auch die interne Zielsetzung? Eine Medaille für Deutschland zu holen wäre natürlich auch nicht verkehrt.

Seider: Jeder, der hierherkommt, will natürlich eine Medaille gewinnen. Das ist irgendwo logisch, deswegen sind wir alle Athleten und Spitzensportler. Aber man muss das Ganze auch einfach ein bisschen realistischer sehen, dass die Chancen natürlich für uns geringer stehen als vielleicht für manche andere Teams. Jetzt heißt es erstmal gut in die Gruppenphase reinzustarten, gegen Lettland ein nächstes super Spiel abliefern und dann hat man den großen Test gegen die USA. Dann wird man sehen, wo man steht und gegen wen es dann geht im Playoff-Achtelfinale, um dann hoffentlich bestmöglich ins Viertelfinale einziehen zu können.