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Diese deutsche Legende hat genau das geschafft, womit Lindsey Vonn bei Olympia die Welt verblüffen will

Sie hat es Vonn vorgemacht

Hilde Gerg weiß, wie man mit einem Kreuzbandriss ein Speed-Rennen bestreitet. Bei SPORT1 spricht die Olympiasiegerin über ihre Erfahrungen und gibt Lindsey Vonn Tipps für die Abfahrt.
Lindsey Vonn reißt sich bei der Olympia-Generalprobe das Kreuzband - und will trotzdem starten. Die US-Amerikanerin gibt eine bemerkenswerte Pressekonferenz.
Hilde Gerg weiß, wie man mit einem Kreuzbandriss ein Speed-Rennen bestreitet. Bei SPORT1 spricht die Olympiasiegerin über ihre Erfahrungen und gibt Lindsey Vonn Tipps für die Abfahrt.

Ist es wirklich möglich, wenige Tage nach einem Kreuzbandriss wieder eine Abfahrt zu bestreiten? Diese Frage wird nach der Ankündigung von Lindsey Vonn in der alpinen Ski-Szene heiß diskutiert.

Eine, die aus eigener Erfahrung die Frage beantworten kann, ist Hilde Gerg. In der Weltcup-Saison 2002/03 riss sich die heute 50-Jährige in Lake Louise das Kreuzband - und fuhr wenige Wochen später auf der aktuellen Olympia-Strecke in Cortina auf den dritten Rang im Super-G.

Bei SPORT1 spricht die Olympiasiegerin von 1998, die mittlerweile als Gesundheitscoach arbeitet, über die Erfahrungen von damals. Außerdem verrät sie, worauf Vonn bei der Abfahrt am Sonntag vor allem achten muss, und welchen deutschen Ski-Assen sie bei Olympia in Cortina und Bormio am meisten zutraut.

Olympia: „Es war so ähnlich wie bei Lindsey“

SPORT1: Frau Gerg, Lindsey Vonn sorgt kurz vor Olympia für Wirbel, weil sie dort trotz eines Kreuzbandrisses an den Start gehen will. Sie selbst haben im Winter 2002/03 ebenfalls die Speed-Disziplinen mit einem Kreuzbandriss absolviert. Wie kam es damals zu dieser Entscheidung?

Hilde Gerg: Ich habe mir im Dezember 2002 bei einer Abfahrt in Lake Louise das Kreuzband gerissen und war zu dem Zeitpunkt Weltcupführende im Super-G und in der Abfahrt. Ein Kreuzbandriss muss man ja entweder sofort operieren oder man wartet sechs Wochen ab und operiert dann erst. Gemeinsam mit dem Physio-Team und den Ärzten haben wir dann beschlossen, erst einmal zu schauen, wie fit wir das Knie bekommen. Ich konnte normal gehen, die Muskulatur konnte ich anspannen. Sie hat auch auf kurze, schnelle Bewegungen reagiert. Auch den Schmerzfaktor haben wir relativ schnell in einen Bereich bekommen, so dass das Konditionstraining gut möglich war und dann auch die ersten Skitests eigentlich super verlaufen sind. Es war so ähnlich, wie die Lindsey jetzt auch beschrieben hat, dass sie eben nicht so viel Schmerzen hat, das Knie nicht geschwollen ist und sie die Muskulatur ansteuern kann.

SPORT1: In Cortina fuhren Sie kurz nach der Verletzung mit gerissenem Kreuzband sogar auf Platz drei. Wie haben Sie sich auf dieses Rennen vorbereitet?

Gerg: Dazu muss man erst einmal sagen, dass bei mir damals schon etwas mehr Zeit zwischen der Verletzung und dem Lauf lag als jetzt bei der Lindsey. Aber ich bin damals schon im Dezember in der Lenzerheide wieder gefahren - 14 Tage später. Da hatte es nur noch nicht ganz so gut funktioniert, weil da recht schlechtes Wetter war. Da braucht man dann schon ein gewisses Mindset. Denn nach so einer Diagnose hieß es ja eigentlich immer, dass die Saison beendet ist.

SPORT1: Wie haben Sie dann dieses Rennen in Cortina auf Platz drei erlebt?

Gerg: In dem Lauf habe ich tatsächlich so einen Schreckmoment gehabt. Bei mir war es auch das linke Knie. Und bei der Abfahrt auf der Tofana hat man relativ viele entscheidende Kurven, wo das linke Bein auf dem Außenski ist. Da gibt es einen Sprung bei der ersten Zwischenzeit in einer Kurve, wo man dann auch aufgekantet und das Gewicht hauptsächlich auf dem linken Bein lastet. Da habe ich eben gemerkt, dass meine Muskulatur nicht so gehorcht, wie ich mir das vorgestellt habe. Das sind natürlich schon so Sachen, auf die man sich gut einstellen muss. In diesem Gebiet ist Lindsey Vonn natürlich eine Spezialistin.

Gerg über Vonn: „Angriff ist der beste Weg zur Verteidigung“

SPORT1: Welche Art der Vorbereitung würden Sie Vonn vor dem Abfahrtsrennen am Sonntag raten? Alle Trainingsfahrten nutzen oder lieber dosieren?

Gerg: Rein regelkonform muss man einmal aus dem Starthaus rausgefahren sein, um die Startberechtigung für das Rennen zu haben. Man muss das Training nicht einmal beenden. Was die richtige Vorbereitung ist, ist von außen wirklich schwierig zu beurteilen. Das weiß die Lindsey selbst am besten, was sie da braucht. Da braucht man, glaube ich, gar keinen Rat zu geben. Denn das ist sehr, sehr individuell.

SPORT1: Wie sollte Lindsey Vonn das Rennen angehen?

Gerg: Man sollte auf jeden Fall noch konzentrierter sein, wenn es um den Schwungansatz geht, den man mit dem linken Bein fährt, damit man da wirklich ordentlich drüber steht und die Muskulatur ihren Job leisten kann. Und wenn man sich dazu entscheidet, am Rennen teilzunehmen, dann einfach aus der vollen Überzeugung und mit allem, was man hat. Denn in dem Fall ist einfach die Passivität gefährlicher, als wenn man das ganz aktiv angeht, frei nach dem Motto: „Angriff ist der beste Weg zur Verteidigung.“ Das wird sie aber sicher so machen, wenn sie an den Start geht. Das ist die einzige Chance, auch vom Kopf her, da gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, dass das funktioniert.

SPORT1: Glauben Sie daran, dass das bei ihr funktioniert?

Gerg: Ja, das glaube ich tatsächlich. Zu Beginn ihres Comeback-Versuchs und bei all dem, was da alles so an Gerüchten kursiert ist, was mit dem Knie alles passiert ist, habe ich mir auch gedacht: „Das gibt es doch nicht. Was tut sie sich denn jetzt an? Kann sie nicht loslassen von dem Sport?“ Aber mittlerweile muss man sagen, hat sie sich da wirklich einen guten Plan zurechtgelegt und sie hat ja Unglaubliches geleistet oder zumindest Dinge, die vor ihr im alpinen Sport noch keiner geleistet hat. Darum bin ich da eigentlich sehr positiv, dass das ganz gut funktionieren kann.

Olympia: Deutsches Duo gehört „zum erweiterten Favoritenkreis“

SPORT1: Zu Vonns schärfsten Rivalinnen zählt auch die Deutsche Emma Aicher. Ist sie auch für Sie die größte Hoffnung des DSV auf eine Medaille?

Gerg: Ich glaube, dass tatsächlich auch die Kira Weidle-Winkelmann auf dieser Strecke ganz gut zurechtkommen wird. Sie könnte ihr vom Charakter her sehr gut liegen. Ich würde beide am Sonntag zum erweiterten Favoritenkreis zählen. Wenn sie es schaffen, wirklich mit Freude, Angriffslust und einer gewissen Lockerheit an die Sache heranzugehen, können sie sich gut verkaufen. Dann hoffen wir auf einen Rennverlauf, der das eben auch zulässt, dass dann vielleicht beide oder zumindest eine um eine Medaille mitkämpfen kann.

SPORT1: Wem räumen Sie aus dem deutschen Alpin-Team insgesamt noch Chancen auf Medaillen ein? Bei den Männern fällt da häufig der Name Linus Straßer.

Gerg: Der Slalom der Herren ist ja so irre. Da kann man ja gar keine Prognose abgeben. Gefühlt kann da jeder von den ersten Zehn in jedem Rennen unter die ersten Drei fahren. Das ist richtig spannend. Da kommt es auch auf die Kurssetzung an und darauf, ob sich auch die Kurssetzer mal wieder besinnen, damit das Rennen auch gut anzuschauen und fair für die Athleten ist. Das ist ein ganz offener Wettbewerb. Da kann man dem Linus nur die Daumen drücken, dass er einer der Glücklichen ist, die an dem Tag so performen, dass maximal zwei schneller sein dürfen.