Die Olympischen Winterspiele 2026 wurden für Mikaela Shiffrin zur Achterbahn der Gefühle. Die Weltcup-Dominatorin drohte schon wieder leer auszugehen, ehe sie im Slalom den erlösenden Triumph feierte.
"Das ist die dunkle Seite der Olympischen Spiele"
„Dunkle Seite der Olympischen Spiele“
Dabei sah es schon so aus, als würde sich die medaillenlose Enttäuschung von Peking 2022 wiederholen. Doch die erfolgreichste Ski-Alpin-Fahrerin der Geschichte ließ der Konkurrenz in ihrer Paradedisziplin – dem Slalom – nicht den Hauch einer Chance.
SPORT1 traf sich mit der Adidas-Athletin im Ancora-Hotel in der Innenstadt von Cortina. Mit Blick auf das olympische Feuer und die Tofana, wo Shiffrin am Mittwoch Slalom-Gold gewonnen hatte, sprach die 30-Jährige emotional über ihren Erfolg, die dunklen Seiten der Olympischen Spiele sowie über ihr mögliches Karriereende.
Shiffrin: „Wir hatten unglaubliche Momente mit dem Team“
SPORT1: Frau Shiffrin, wie war die Party im Österreichischen Haus? Wie haben Sie sich heute Morgen gefühlt, als Sie aufgewacht sind?
Mikaela Shiffrin: Wollen Sie die spaßige oder die ehrliche Antwort (lacht)?
SPORT1: Beide ...
Shiffrin: Wir hatten unglaubliche Momente mit dem Team, mit Champagner-Duschen, wir haben getanzt und den Triumph gefeiert. Am Tag des Rennens bin ich um 1.30 Uhr nachts aufgewacht und war eigentlich schon bereit für den Tag, aber es waren noch so viele Stunden bis zum Rennen. Ich habe es dann zumindest noch geschafft, etwas zu schlafen. Wir waren dann nach dem Feiern zu einer vernünftigen Zeit wieder zurück und ich bin dann gegen 22.30 Uhr ins Bett gefallen. Heute Morgen bin ich um 4.30 Uhr aufgewacht und habe mir gedacht: Was mache ich denn jetzt? Ich bin so unfassbar dankbar für diese 24 Stunden.
SPORT1: Sie haben auf Instagram ein Foto im Schlafanzug und der Goldmedaille gepostet.
Shiffrin: Ja, der Schlafanzug (lacht).
SPORT1: Sie haben emotionale Worte an Ihren verstorbenen Vater gerichtet. Was bedeutet Ihnen die Goldmedaille?
„Das ist die dunkle Seite der Olympischen Winterspiele“
Shiffrin: Jede Medaille ist unterschiedlich und speziell. Diese Goldmedaille ist ein Symbol für den Teamerfolg. Kein einziger Athlet kommt in die Situation, eine Medaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen ohne das unterstützende Team hinter sich. Ich habe meine Familie, Freunde und Partner alle zu Hause. Das US-Ski-Team ist hier vor Ort, meine Trainer, meine Mutter und Aleks (ihr Verlobter, Aleksander Aamodt Kilde; Anm. d. Red.) sind hier. Alle diese Leute haben einen großen Anteil daran, dass ich Gold gewonnen habe. In den vergangenen zwei Wochen war alles auf das Sportliche ausgelegt. Ich wollte die Fragezeichen und Zweifel ausblenden. Ich bin sehr stolz auf mich selbst und auf mein Team. Ich bin sehr glücklich darüber, dass sie mich Tag für Tag begleitet haben.
SPORT1: Nach den ersten Rennen vor dem Slalom hier in Cortina und nach den Olympischen Winterspielen in Peking haben viele von einem Olympia-Trauma bei Ihnen gesprochen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Shiffrin: Das ist die dunkle Seite der Olympischen Spiele. Es gibt immer starke Reaktionen – egal, was passiert. Es gibt sehr positive Kommentare in einem erfolgreichen Moment wie im Weltcup. Bei den Olympischen Spielen ist es dann das Ende der Welt. Peking hat mich auf diesen Moment vorbereitet, indem ich mich auf das Training, auf mich selbst und mein Team fokussiere. Wir haben den Fokus auf die richtige Mentalität gelegt. Ich habe viel trainiert und es war so, als würde ich zu einem Workshop gehen, um etwas ganz Neues zu erlernen. Dann lag der Fokus auf dem Riesenslalom, um die beste Leistung abrufen zu können, die möglich ist. Das war ein sehr cooles und spektakuläres Rennen und ich habe gemerkt, dass ich die sportlichen und mentalen Komponenten habe. Ich habe vor dem Slalom bewusst Social Media gemieden, um nicht zu sehen, was andere über mich schreiben oder sagen. Ich konnte es mir vorstellen, aber ich wollte es nicht sehen, um den Fokus auf meinen Job zu legen.
Shiffrin spricht über ihr Karriereende
SPORT1: Sie sind die Ski-Königin. Was sind Ihre Ziele in der Zukunft?
Shiffrin: Ich weiß nicht, ob ich eine Antwort auf diese Frage habe …
SPORT1: Machen Sie sich denn schon Gedanken über Ihr Karriereende?
Shiffrin: Ja, die mache ich mir (nach längerem Zögern; Anm. d. Red.). Ich denke darüber nach, wie ich meine Karriere beenden soll. Ich sehe es bei anderen Athleten und Teamkollegen, wie sie den Schritt verkünden. Ich weiß nicht, wie das für mich wäre. Deswegen habe ich darauf noch keine Antwort.