Nach dem Ende der alpinen Wettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen hat Ski-Legende Felix Neureuther ein kritisches Fazit zum Abschneiden der deutschen Athleten gezogen.
Olympia 2026: "Realität in die Augen schauen" - Neureuther legt den Finger in die Wunde
Neureuther legt Finger in die Wunde
Auf der Habenseite befinden sich zwei Silbermedaillen: Emma Aicher wurde sowohl in der Abfahrt als auch in der Team-Kombination mit Kira Weidle-Winkelmann Zweite. Das war’s. Die Männer blieben komplett hinter ihren Hoffnungen zurück.
Trainingsnachteil gegenüber den Schweizern
„Man muss der Realität in die Augen schauen und die Einzelleistungen analysieren. Wir haben im Moment nicht die Qualität, um in jeder Disziplin um Medaillen fahren zu können“, wurde Neureuther im Interview mit der Süddeutschen Zeitung deutlich.
Er fügte hinzu: „Wir haben im Skiverband eben einen Standortnachteil: Wir haben nicht in ganz Deutschland Berge vor der Haustüre.“
Neureuther argumentierte, dass beispielsweise den Schweizer Athleten um den dreimaligen Goldgewinner Franjo von Allmen im Vergleich zu den Deutschen bessere Sommer-Skigebiete zur Verfügung stünden und mehr Strecken für das Training – vor allem in den Speed-Disziplinen.
Olympia: Deutsches Abschneiden „noch ganz gut“
„Daher bekommen sie dort so viel mehr Nachwuchs in der Breite. Dazu kommt: Die Schweizer haben ein ganz anderes Budget, genauso wie die Österreicher, die daraus derzeit aber weniger machen. Und die Italiener, die Norweger und die Franzosen haben eine bessere Logistik“, schilderte der 41-Jährige.
Zugleich betonte er: „Gemessen daran, was uns zur Verfügung steht, schlagen wir uns in Deutschland ohnehin noch ganz gut.“
Neureuther schwärmt von Emma Aicher
Angesprochen auf das Abschneiden der deutschen Skifahrer um Simon Jocher, Fabian Gratz, Alexander Schmid, Anton Grammel und Linus Straßer konnte Neureuther ihnen keinerlei Vorwurf machen.
Jegliche Kritik sparte er sich und verwies darauf: „Wir haben im Moment einfach nicht die Breite, um einzelne Schwächen auszugleichen.“
Bei Aicher kam er wiederum ins Schwärmen: „Die Emma ist einfach eine Granate. In fast jeder Disziplin ist sie vorn dabei.“ Neureuther ist sich sicher, dass die 22-Jährige in der Zukunft nicht nur in der Abfahrt und im Super-G, sondern auch im Riesenslalom vorne mitfahren wird.
Olympia: Aicher schrammt an Gold vorbei
„Sie gibt die Pace vor für den ganzen Skiverband, für die jüngeren Athletinnen“, meinte die deutsche Ski-Ikone und führte weiter aus: „Sie ist ein Phänomen, aber damit steht sie auch in einer gewissen Tradition: So wie Maria Höfl-Riesch dieses unglaubliche Gefühl in den Beinen hatte, hat sie es auch. Das kann man nicht lernen. Das sind gewisse Elemente im Skifahren, die hat man oder hat man nicht.“
Sowohl in der Abfahrt als auch in der Team-Kombination schrammte Aicher hauchdünn an der Goldmedaille vorbei. „Das tut ein bisschen weh. Ich glaube aber nicht, dass sie darauf irgendwann mit Ärger zurückblicken wird, sie kann mit Silber in der Abfahrt und in der Team-Kombi mehr als zufrieden sein. Lieber so, als zweimal knapp Vierte werden, das hat es auch schon gegeben“, sagte der 41-Jährige.
Dürr-Drama? „Kein schwerer Fehler“
Ein wahres Drama erlebte Lena Dürr im olympischen Slalom. Nach dem ersten Durchgang belegte die Deutsche den zweiten Rang, doch sie fädelte im zweiten Lauf direkt am ersten Tor ein. Die Medaillenhoffnungen waren dahin.
Neureuther nahm Dürr in Schutz und stellte klar: „Das ist kein schwerer Fehler, das sind einfach nur ein paar Millimeter neben der Ideallinie. Wie schon gesagt: Freud und Leid, so nahe beieinander.“