Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Gesamtweltcupsiegerin – Petra Vlhova hat im Ski Alpin nahezu alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Doch auf die großen Triumphe folgte eine Schocknachricht, die sogar die Fortsetzung ihrer Karriere in Gefahr brachte.
"Habe gedacht, dass es unmöglich sein würde"
Ein Schicksalstag veränderte alles
Im Januar 2024 verletzte sich die Slowakin ausgerechnet bei ihrem Heimweltcup in Jasna schwer. Die Diagnose: ein Kreuz- und Innenbandriss. Während viele Athletinnen bereits nach einigen Monaten in den Sport zurückkehren können, kam es bei der 30-Jährigen zu Komplikationen, die eine zweite Operation am Knie notwendig machten.
Die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zerschlug sich – stattdessen verschwand Vlhova für zwei ganze Jahre von der Bildfläche. Die Trennung von ihrem langjährigen Trainer, der sie zu ihren größten Erfolgen geführt hatte, sowie ein privates Beziehungs-Aus stellten sie in dieser Zeit vor zusätzlichen Herausforderungen.
Olympia 2026: Vlhova kehrt nach schwerer Zeit zurück
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Vlhova über dunkle Zeiten während ihrer Verletzung und warum sie trotz der Rückschläge unbedingt noch einmal zurückkommen wollte. Zudem verrät die Adidas-Athletin, was sie über das eingegangene Risiko von Lindsey Vonn und das Comeback von Federica Brignone denkt.
SPORT1: Frau Vlhova, Sie haben hier bei den Olympischen Spielen nach zweijähriger Verletzungspause Ihr Comeback gegeben. Beschreiben Sie uns, wie es war, nach dieser langen Zeit wieder ein Rennen zu bestreiten.
Vlhova: Es war ein sehr schönes Gefühl, wieder am Start zu stehen und all diese Emotionen und den Stress wieder zu spüren. Ich war sehr glücklich und auch stolz auf mich selbst, dass ich es rechtzeitig geschafft habe.
SPORT1: Sie haben auf dem Weg zurück einige Rückschläge hinnehmen müssen. Kamen da nie Gedanken auf, dass die Karriere schon vorbei sein könnte?
Vlhova: Ich habe viele Male gedacht, dass es unmöglich sein würde. Es gab Punkte, an denen ich es nicht wusste. Doch als Athletin habe ich trotzdem irgendwie daran geglaubt, dass ich es schaffe. Ich habe beschlossen, alles zu geben - und wenn es nicht funktioniert, dann funktioniert es nicht. Dann wäre ich auch im Reinen mit mir gewesen. Aber zum Glück bin ich hier. An manchen Punkten dachte ich, mit diesem Knie wird es nichts werden. Ich hatte viele Schmerzen und konnte selbst leichte Dinge nicht tun, vom Skifahren ganz zu schweigen. Deshalb ist es schon ein Sieg, hier bei Olympia zu sein.
Brignone? „Was Federica geschafft hat, ist unglaublich“
SPORT1: Wann kam der Wendepunkt, an dem Sie spürten, dass es wieder bergauf geht?
Vlhova: Ende Dezember (vergangenen Jahres; Anm. d. Red.), Anfang Januar diesen Jahres habe ich ein kleines Licht am Ende des Tunnels gesehen. Da dachte ich, dass ich es zu den Olympischen Spielen schaffen könnte. Das war ein richtiger Boost für mich und meinen Körper. Diese Gedanken waren sehr wichtig für mich. Es waren zwei Jahre ohne Rennen und mit vielen dunklen Momenten, was meine Karriere angeht. Aber auch für mich als Person war es sehr schwer.
SPORT1: Federica Brignone hat nach dem Gewinn ihrer zweiten Goldmedaille gesagt, dass viele Menschen gar nicht realisieren würden, wie schwer es tatsächlich ist, von einer großen Verletzung zurückzukommen. Stimmen Sie ihr zu?
Vlhova: Viele Menschen wissen nicht, was hinter dem Erfolg steht. Was Federica geschafft hat, ist etwas, was ich mir nicht vorstellen kann. Etwas, bei dem ich sagen würde, es ist unmöglich - aber im Sport ist alles möglich. Es ist unglaublich und es steckt sehr viel Arbeit dahinter. Du bist in der Reha mit deinem Physiotherapeuten, du musst deine Muskeln zurückgewinnen, du bist den ganzen Tag im Fitnessstudio. Das ist sehr schwer. Auch als „normale“ Person hat man mal Tiefpunkte, an denen man nicht weitermachen will. Aber auch da muss man durch und jeden Tag arbeiten und das ist das Schwierigste: Wenn du das Gefühl hast, du kannst es nicht, musst du es einfach tun, diese schlechten Momente hinter dir lassen und weitermachen - dann werden die Resultate kommen. Und ich bin sehr glücklich für Federica, weil ich weiß, was es bedeutet.
Ski-Superstar: Vonn „wusste genau, was sie tut“
SPORT1: Die olympische Abfahrt der Damen wurde von dem schlimmen Sturz von Lindsey Vonn überschattet, die hier mit einem Kreuzbandriss am Start war. Zeigt das auch, was Athletinnen für ihren Sport und ihre Träume zu geben bereit sind?
Vlhova: Sie wusste genau, was sie tut. Sie wollte es unbedingt versuchen. Es kann immer ein Sieg dabei herausspringen, aber auch unglückliche Momente. Unglücklicherweise ist dieser Sturz passiert, aber für unseren Sport und was sie der Welt gezeigt hat, auch mit der Verletzung … (Vlhova bricht den Satz ab; Anm. d. Red.). Wenigstens hat sie es versucht und ist mit sich im Reinen. Für mich ist das unglaublich.
SPORT1: Zurück zu Ihnen. Was hat Ihnen geholfen, sich aus dem mentalen Loch während der Verletzung wieder herauszukämpfen?
Vlhova: Am Anfang waren es meine Freunde und die Menschen, die mir nahe sind. Ich hatte wirklich schlechte Momente oder dunkle Phasen, aber gerade dann ist es wichtig, mit deinen Leuten zusammen zu sein, sich glücklich zu fühlen und weiterzumachen. Und ich habe gedacht, dass es schön wäre, wieder ganz oben auf dem Podium zu stehen. Diese Emotionen wieder zu spüren und dann kann ich meine Karriere beenden. Das ist immer noch in mir drin, dass ich wieder an der Spitze stehen will. Der erste Schritt ist geschafft, ich bin wieder am Start – aber es liegt noch ein Haufen Arbeit vor mir.
Vlhova appelliert: „Jeder sollte das sehen“
SPORT1: War das die größte Motivation für Ihr Comeback? Das Gefühl des Siegens? Sie haben ja schon so ziemlich alles gewonnen, was man gewinnen kann.
Vlhova: Ja, das ist wahr, aber ich wollte nicht so aufhören mit dieser Verletzung. Das ist nicht schön als Athletin. Ich will zurück (an die Spitze; Anm. d. Red.), wenn es möglich ist. Wenn es klappt, dann klappt es; wenn nicht, dann nicht.
SPORT1: Sie haben einmal gesagt, dass es Sie stört, dass die meisten Menschen immer nur Petra, die Skifahrerin, aber nicht Petra, den Menschen, sehen. Wie genau meinen Sie das?
Vlhova: Seit dieser Verletzung - nach diesen zwei Jahren - bin ich ein anderer Mensch. Vielleicht haben es manche Leute schon gemerkt. Aber es ist schwer. Sobald ich auf der Strecke bin, bin ich voll fokussiert und niemand sieht mich als Person. Aber sobald ich die Ziellinie überfahre, Interviews mache, können sie mich vielleicht als diese sehen. Es ist schwer, es zu trennen - die Petra Vlhova im Wettkampf, wenn sie ihrem Sport nachgeht, und die Petra als Person, die wie andere auch ist. Wir sind keine Maschinen. Ich denke, jeder sollte das sehen, dass wir zwar Athleten sind, aber gleichzeitig auch Menschen.