Tadej Pogacar hat auf der zweiten Etappe der Tour de France für einen sportlich und menschlich großen Moment gesorgt. Der viermalige Sieger der Frankreich-Rundfahrt verzichtete in einem spektakulären Finale auf den Etappensieg und ließ seinem Edelhelfer Isaac Del Toro den Vortritt.
Tour de France: Das steckt hinter der Pogacar-Geste - Experten verneigen sich
Das steckt hinter Pogacars Geste
Pogacar strahlte auf dem kurzen, aber knackigen Zielanstieg eine derartige Coolness aus, dass sich auch die deutsche Rad-Legende Jan Ullrich beeindruckt zeigte. „Es war der Einzige, der nicht am Anschlag war“, machte er im „Velo Club“ bei Eurosport deutlich und lobte: „Das war große, große Klasse. Das ist wirklich eine Leader-Qualität, seinem Kollegen den Sieg zu überlassen“.
Rolf Aldag stimmte Ullrich vollumfänglich zu. „Es spricht für seine Leader-Qualitäten. So etwas zu sehen, diese Größe bei diesem Stress, da bekomme ich ja einen Kloß im Hals. Er ist ein ganz besonderer Mensch. Diese menschliche Qualität als Leader ist phänomenal“, adelte der Ex-Teamchef von Bora-hansgrohe den Rad-Superstar.
Pogacar verzichtet auf Gelb: Ein taktischer Kniff?
Doch was verbirgt sich hinter der Geste des ansonsten so siegeshungrigen Pogacar?
Zum einen könnte ein taktischer Kniff dahinter stecken. „Pogacar hätte zehn Sekunden holen können, sagt aber, ‚mir reichen sechs Sekunden, ich will das gelbe Trikot haben, aber nicht heute’“, argumentierte Fabian Wegmann in der ARD. Auf diese Weise ist das Vingegaard-Team weiter in der Verantwortung, Tempoarbeit zu leisten, während sich die Pogacar-Kollegen schonen können.
Es scheint aber mehr dahinter zu stecken. Die Freude von Pogacar über den Sieg seines Kollegen kam jedenfalls vom ganzen Herzen. „Er ist ein Champion, ein großartiger Mensch, ein großartiger Freund. Er verdient diesen Sieg, mir fehlen die Worte“, zeigte er sich im Gespräch mit Cadena Cope überglücklich.
Tour de France: Experten erwarten große Helferdienste von Del Toro
Ullrich ist davon überzeugt, dass sich Del Toro noch revanchieren wird und Pogacars Aktion der Harmonie im Team dienlich war. „Er sagt sich: ‚Das zahlt er mir zehnmal zurück im Verlauf der Tour de France, den brauche ich noch. Das ist mein bester Mann am Berg'“, schilderte der Eurosport-Experte.
Deutschlands Rad-Star Nils Politt sah das ähnlich. „Wir wissen, dass beide schnell sind. Isaac einen kleinen Boost zu geben am Anfang der Tour – es war ein kleines Geschenk von Tadej – ist einfach Weltklasse“, erklärte der Teamkollege von Del Toro und Pogacar.
Pogacar und das UAE Emirates Team wissen genau, dass Del Toro zu mehr bestimmt ist, als ausschließlich Helferdienste zu leisten. Folgerichtig ist es allen ein Anliegen, dem 22-Jährigen die nötige Wertschätzung zu verleihen.
„Del Toro ist ja der nächste Pogacar. Den werden sie auch nicht verärgern wollen. Da muss man auch mal etwas geben, da kann man nicht immer nur nehmen“, verdeutlichte Aldag.
Tour de France: Del Toro nach Sieg überglücklich
Ein Unterfangen, welches zu 100 Prozent aufgegangen ist. Immerhin zeigte sich Del Toro nach dem Rennen gerührt und glücklich. „Es bedeutet mir alles. Es ist die Arbeit von allen, von meinen Freunden, von meiner Familie. Sie können sich nicht vorstellen, was es für das Land und für mich bedeutet“, freute er sich vor den Medienvertretern.
Der Mexikaner hat bereits im Vorjahr Platz zwei in der Gesamtwertung des Giro d’Italia belegt und die Nachwuchswertung gewonnen. In diesem Jahr entschied er die UAE Tour für sich. Del Toro hat alle Anlagen, um eines Tages selbst die Tour de France gewinnen zu können.
Tour de France: Große Harmonie zwischen Pogacar und Del Toro
Bereits vor dem Tour-Start hatten sich Pogacar und Del Toro in großer Harmonie gezeigt. „Die Tatsache, dass ich bei der Tour am Start stehe, im besten Team der Welt, und dass ich versuchen darf, Tadej zu helfen, ist einfach unglaublich schön. Ich fühle mich wirklich privilegiert. Ich bin so dankbar, diese Gelegenheit zu haben und zu lernen. Es ist ein Traum, der wahr wird“, zeigte sich Del Toro auf der Pressekonferenz demütig.
Pogacar selbst machte derweil deutlich, wie viel er von seinem Kollegen hält. „Es gibt hier ein paar Jungs, die den Sieg anstreben können, darunter auch der Typ neben mir“, verwies er schmunzelnd auf Del Toro. Pogacar hatte in der Vergangenheit schon mehrmals verdeutlicht, dass sein junger Kollege genauso gut oder sogar noch besser als er selbst werden könnte.
Noch scheint er jedoch keinen internen Konkurrenzkampf zu fürchten. Sonst hätte er Del Toro den Sieg wohl nicht ganz so bereitwillig überlassen.