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Der heute völlig vergessene König der Tour de France

Der vergessene König der Tour

Tadej Pogacar, Eddy Merckx oder Bernard Hinault – diese Namen kennt fast jeder Radsportfan. Doch nur wenige erinnern sich an den Mann, der als Erster schaffte, was zuvor unmöglich erschien. Am 27. Juli 1920 gewann der Belgier Philippe Thys seine dritte Tour de France.
Philippe Thys bei seinem ersten Erfolg bei der Tour de France im Jahr 1913
Philippe Thys bei seinem ersten Erfolg bei der Tour de France im Jahr 1913
© IMAGO/Sirotti
Tadej Pogacar, Eddy Merckx oder Bernard Hinault – diese Namen kennt fast jeder Radsportfan. Doch nur wenige erinnern sich an den Mann, der als Erster schaffte, was zuvor unmöglich erschien. Am 27. Juli 1920 gewann der Belgier Philippe Thys seine dritte Tour de France.

Wer die Tour de France heute verfolgt, sieht Hightech-Räder, riesige Betreuerstäbe und perfekt organisierte Teams. Zu Zeiten von Philippe Thys sah die Welt völlig anders aus.

Die Fahrer mussten oft tagelang auf staubigen Straßen unterwegs sein. Mechanische Defekte mussten sie selbst reparieren. Nachtetappen waren keine Seltenheit und als Verpflegung musste auch mal eine Flasche Rotwein reichen. Genau in dieser wilden Pionierzeit stieg Thys zu einem der ersten Superstars des Sports auf.

Die ersten Tour-Triumphe vor dem großen Krieg

Der Belgier gewann die Tour de France erstmals 1913. Damals war Thys erst 22 Jahre alt. Schon in seinem Debütjahr zeigte er außergewöhnliche Ausdauer und taktisches Geschick. Am Ende setzte er sich gegen die Konkurrenz durch und holte den größten Erfolg seiner Karriere.

Ein Jahr später bestätigte er seinen Erfolg. 1914 gewann Thys erneut die Tour de France und verteidigte seinen Titel erfolgreich. Kurz nach seinem Triumph wurde Europa jedoch vom Ersten Weltkrieg erschüttert. Die Tour de France wurde für mehrere Jahre unterbrochen.

Der Krieg veränderte alles – auch für Thys

Wie Millionen andere Europäer wurde auch Philippe Thys vom Krieg geprägt. Die goldenen Jahre seiner Karriere schienen vorbei zu sein. Viele Experten glaubten nicht, dass ein Fahrer nach einer so langen Unterbrechung noch einmal an frühere Leistungen anknüpfen könnte.

Als die Tour de France nach dem Krieg zurückkehrte, war Thys nicht mehr der junge Hoffnungsträger von früher. Doch er hatte noch eine letzte große Geschichte zu schreiben.

Die historische Tour von 1920

Am 27. Juli 1920 erreichte Philippe Thys etwas Einzigartiges. Der Belgier gewann seine dritte Tour de France und wurde damit der erste Fahrer überhaupt, dem drei Gesamtsiege gelangen. Ein Rekord, den zuvor niemand erreicht hatte.

Für die damalige Radsportwelt war das eine Sensation. Heute wirken drei Toursiege vielleicht nicht außergewöhnlich, weil spätere Legenden wie Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Indurain oder 2026 Tadej Pogacar sogar fünfmal triumphierten.

Doch Thys war der Erste. Er setzte den Maßstab, an dem sich alle folgenden Generationen messen mussten. Ohne den Krieg würde er heute vielleicht noch immer zu den Rekordgewinnern zählen.

Ein Champion mit ungewöhnlicher Geschichte

Besonders bemerkenswert ist, wie vielseitig Thys war. Er gewann nicht nur die Tour de France, sondern feierte zahlreiche Erfolge bei anderen Straßenrennen (Lombardei-Rundfahrt oder auch Paris-Tours) und Bahnrennen. Viele Historiker betrachten den Mann aus Anderlecht als einen der ersten komplett ausgebildeten Radsportprofis überhaupt.

Gleichzeitig war er nicht der große Showman. Anders als manche spätere Champions suchte Thys selten die Öffentlichkeit. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb sein Name heute weniger bekannt ist als jener anderer Tour-Legenden.

Das Ende einer großen Karriere

Nach seinem dritten Toursieg blieb Thys zwar noch einige Jahre aktiv, die ganz großen Erfolge wurden jedoch seltener. Der Sport entwickelte sich weiter, neue Generationen rückten nach.

Schließlich beendete der Belgier seine aktive Laufbahn und verabschiedete sich aus dem professionellen Radsport. Doch anders als viele moderne Stars verfügte er nicht über Millionenvermögen oder lukrative Werbeverträge.

Was wurde aus Philippe Thys?

Nach dem Ende seiner Karriere führte Thys ein deutlich ruhigeres Leben.

Er arbeitete unter anderem als Fahrradhändler und blieb dem Radsport dadurch weiterhin verbunden. In Belgien genoss er zwar Respekt als ehemaliger Champion, lebte jedoch weitgehend fernab des großen internationalen Rampenlichts.

Während die Tour de France immer größer wurde und neue Helden hervorbrachte, geriet ihr erster dreifacher Sieger zunehmend in Vergessenheit. Viele jüngere Fans kannten seinen Namen kaum noch.

Die späte Anerkennung

Mit den Jahren begannen Historiker und Radsportexperten erneut, die Leistungen der frühen Tour-Pioniere zu würdigen. Dabei rückte auch Philippe Thys wieder stärker in den Fokus.

Denn ohne Fahrer wie ihn hätte sich die Tour de France möglicherweise nie zu dem entwickelt, was sie heute ist. Er gewann in einer Zeit, als jede Etappe ein Überlebenskampf war und die Fahrer Bedingungen ausgesetzt waren, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar erscheinen.

Philippe Thys starb 1971 im Alter von 80 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits neue Generationen von Champions die Schlagzeilen bestimmt. Doch seine historische Leistung blieb bestehen.