Als die Tour de France 1956 begann, sprach kaum jemand über Roger Walkowiak.
Der Tour-Sieger, den niemand wollte
Der Toursieger, den niemand wollte
Der Sohn polnischer Einwanderer galt als solider Fahrer, aber nicht als möglicher Gesamtsieger. Die großen Stars der damaligen Zeit waren andere. Viele Favoriten galten als stärker in den Bergen und besaßen deutlich größere Namen im internationalen Radsport. Walkowiak startete daher weitgehend unbeachtet ins Rennen. Genau das sollte ihm später zum Verhängnis werden.
Die Tour-Etappe, die alles veränderte
Der Wendepunkt der Tour kam bereits früh. Auf einer langen Flachetappe gelang Walkowiak die Flucht in einer großen Ausreißergruppe. Die Favoriten unterschätzten die Gruppe und ließen sie davonfahren.
Am Ende gewann Walkowiak zwar nicht die Etappe, doch er erarbeitete sich durch den erfolgreichen Ausreißversuch einen enormen Vorsprung in der Gesamtwertung (knapp 20 Minuten auf die Favoriten).
In den folgenden Wochen verteidigte er diesen Vorsprung mit großer Disziplin. Zwar verlor er das Trikot zwischenzeitlich, weil er aber auf der 18. Etappe in den Alpen „nur“ acht Minuten auf den Favoriten Charly Gaul aus Luxemburg verlor, war Walkowiak wieder vorn.
Als die Tour am 28. Juli 1956 endete, trug ausgerechnet er das Gelbe Trikot – eine knappe Minute an Vorsprung war ihm geblieben, obwohl er keine einzige Etappe gewonnen hatte.
Der Sieger, den niemand wollte
Was danach geschah, ist bis heute einzigartig. Normalerweise wird ein Tour-de-France-Sieger in Frankreich wie ein Nationalheld gefeiert. Bei Walkowiak war das anders.
Viele Journalisten behaupteten, er habe die Tour nur durch Glück gewonnen. Kritiker argumentierten, ein wahrer Champion müsse die Konkurrenz in den Bergen dominieren oder spektakuläre Etappensiege feiern.
Medien und Fans verspotteten Walkowiak nach seinem Sieg
Statt seinen Erfolg zu würdigen, machten sich zahlreiche Kommentatoren über ihn lustig. In Frankreich entstand sogar ein Ausdruck: „Faire un Walkowiak“.
Damit war gemeint, einen großen Erfolg zu erzielen, ohne als der eigentlich Beste angesehen zu werden. Für den Toursieger war das ein schwerer Schlag. Statt Ruhm wurde sein Name jahrelang als Spott verwendet.
Der psychologische Preis des Erfolgs
Walkowiak litt enorm unter der Kritik. Später erzählte er mehrfach, wie sehr ihn die Reaktionen verletzt hatten. Er hatte die Regeln der Tour nicht gebrochen, niemanden betrogen und einfach das Rennen gewonnen.
Trotzdem wurde er behandelt, als hätte er etwas Unrechtes getan. Er galt immer als der Mann, der die Tour auf einer Flachetappe gewonnen hatte. Die Tatsache, dass er nie die Anerkennung erhielt, die anderen Toursiegern selbstverständlich zuteil wurde, verfolgte ihn. In Interviews kamen ihm auch Jahrzehnte später noch die Tränen.
Frühes Karriereende
Anders als viele große Tour-Legenden konnte Walkowiak seinen Triumph nicht in weitere große Erfolge umwandeln. Er kam nie wieder in die Nähe des Tour-Podiums.
Bereits wenige Jahre später verschwand er weitgehend von der internationalen Bühne. Der Radsport entwickelte neue Stars, während sein Name immer stärker in Vergessenheit geriet.
Das Leben nach dem Radsport
Nach seiner Karriere übernahm Walkowiak zunächst eine Bar. Weil er auch dort immer wieder auf seinen angeblich zufälligen Toursieg angesprochen wurde, zog er sich zurück. Er arbeitete danach unter anderem in einer Fabrik.
Viele Jahre lebte er fernab des Rampenlichts. Zahlreiche jüngere Radsportfans wussten nicht einmal mehr, wer er war. Der Mann, der einst die größte Rundfahrt der Welt gewonnen hatte, führte ein Leben wie Millionen andere Franzosen.
Die (zu) späte Rehabilitation
Erst mit wachsendem Abstand wurde vielen Beobachtern klar, dass die Kritik weniger mit seiner Leistung als mit den enttäuschten Erwartungen der Öffentlichkeit zu tun gehabt hatte. Die Fans hatten einen Helden gesucht und einen Außenseiter bekommen.
Trotz der späten Anerkennung blieb eine gewisse Bitterkeit. Walkowiak sprach auch im hohen Alter darüber, wie sehr ihn die Ablehnung getroffen hatte. Der Toursieg, der eigentlich das glücklichste Kapitel seines Lebens hätte sein sollen, war immer auch mit Enttäuschung verbunden.
Er war der Gewinner einer Tour de France. Und doch hatte er oft das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Roger Walkowiak starb 2017 im Alter von 89 Jahren.
In den Nachrufen wurde endlich stärker auf seine tatsächliche Leistung eingegangen. Viele würdigten ihn als einen der ungewöhnlichsten Champions der Tour-Geschichte.