Beim Kampf gegen Doping sind die Kontrolleure der International Testing Agency (ITA) auch für Überraschungen gut. Rad-Star Tadej Pogacar und dessen langjähriger Rivale Jonas Vingegaard wurden um 5 bzw. 2 Uhr in der Nacht von den Kontrolleuren aus dem Schlaf gerissen. Der Test ereignete sich vor der 15. Etappe der Tour de France, die mit einer schweren Bergankunft endete.
Tour de France: Konkreter Doping-Verdacht bei Pogacar und Vingegaard?
Konkreter Verdacht bei Tour-Giganten?
Folgerichtig wird die Frage diskutiert, ob ein solches Vorgehen inmitten einer für die Athleten wichtigen Erholungsphase angebracht sei – und was die Hintergründe sein könnten. In diesem Zusammenhang gibt es einen brisanten Aspekt, auf den diverse Experten hinweisen.
Tour de France: Warum wurden Pogacar und Vingegaard nachts getestet?
Die UCI-Anti-Doping-Regeln besagen, dass die Kontrolleure Sportler zwischen 23 und 6 Uhr nicht aufsuchen, „es sei denn, sie hat einen schwerwiegenden und konkreten Verdacht, dass der Fahrer Doping betreibt.“ Demzufolge folgt die ITA entweder nicht den UCI-Richtlinien – oder geht einem konkreten Verdacht nach.
ARD-Journalist Holger Gerska wunderte sich im Podcast Tourfunk darüber: „Warum um 2 und um 5 Uhr? Ist es also alleine ein Tatverdacht, wenn man Erster und Zweiter der Tour de France ist?“, fragte er sich: „Da weiß man genau, welche Gerüchte im Umlauf sind. Deswegen verstehe ich dieses Gesamtkonglomerat nicht, was da in der Nacht passiert ist und warum es passiert ist“, führte er aus. Kontrollen zwischen 23 und 6 Uhr seien „mehr oder minder ein Tabu“.
Auch der beim Sender als Experte tätige Ex-Radstar Fabian Wegmann betont an gleicher Stelle, dass es Gründe geben könnte, die ein solches Vorgehen rechtfertigen: „Diese Kontrollen gehören dazu. Wir sind durch ein tiefes Tal gegangen. Wenn man glaubwürdig werden möchte, muss man alles machen. Die machen das nicht umsonst, sondern die gehen irgendetwas hinterher. Vielleicht gibt es ein neues Produkt, das nur nachts wirkt“, beschrieb er seine Vermutung. Man müsse „intelligente Kontrollen machen“ und gegebenenfalls „auch in der Nacht um 2 Uhr kontrollieren“.
Doping-Jäger rechtfertigen sich
In eine ähnliche Richtung spekulierte der französische Ex-Profi und jetzige Teammanager Jérôme Pineau bei RMC: „Sie sind auf der Jagd nach Mikrodosen und Injektionen von Substanzen, die bei geringen Dosen oder durch Maskierungsmittel nach vier bis fünf Stunden vom Körper abgebaut würden.“
Die ITA rechtfertigte ihr Vorgehen derweil in einem kurzen Statement, in dem sich die Organisation aber nicht tief in die Karten blicken lässt.
„Effektive Tests müssen in begrenzten und gerechtfertigten Fällen außerhalb der Standard-Tageszeiten stattfinden können“, verdeutlichte sie in ihrem Schreiben. Allerdings sei man sich bewusst, dass „nächtliche Tests die Erholung stören können“, weshalb man versucht habe, „die Auswirkungen so weit wie möglich zu minimieren“.
War Vingegaards Sturz Folge der Dopingkontrolle?
Eine weitere brisante Facette, über die nun diskutiert wird, ist die Frage: War der Sturz und die darauffolgende Aufgabe von Vingegaard wegen eines Schlüsselbeinbruchs am Tag darauf vielleicht sogar eine Folge der gestörten Ruhephase?
Pogacar wollte sich zwar selbst nicht über die Kontrolle beklagen, stieß aber eine Debatte über einen möglichen Zusammenhang zwischen Kontrolle und Sturz an. „Vielleicht ist das auch ein Grund. Wenn dein Schlaf ruiniert ist, ist man womöglich etwas weniger konzentriert. Ich will es nicht dafür verantwortlich machen, aber vielleicht gibt es eine Verbindung“, erklärte der Tour-Leader nach der Etappe.
ARD-Kommentator Florian Naß zeigte sich über Pogacars Aussagen erstaunt: „Ich war überrascht, dass Tadej den Zusammenhang direkt hergestellt hat. Das bietet natürlich Angriffsfläche für Kritik. Ich war überrascht, dass er die Keule so rausgeholt hat, weil das Wirkung bei denen zeigt, die die Kontrolle durchgeführt haben. Das birgt Konfliktpotenzial“, machte er im Podcast Tourfunk deutlich. Derartiges könne „auch nur ein Champion wie Pogacar machen“.
Evenepoel verärgert: „Unmenschlich!“
Remco Evenepoel hatte sich ähnlich deutlich geäußert. „Es ist sehr respektlos, Fahrer um 2 Uhr und um 5 Uhr zu wecken. Schlaf ist der einzige Moment, in dem wir uns erholen können. Das ist das härteste Rennen der Welt – und so macht man es noch härter“, bemängelte der Sieger der 15. Etappe. Es sei „unmenschlich“, Fahrer um diese Zeit zu wecken.
„Unmenschlich, das ist genau das Wort. Niemand stellt Antidoping-Kontrollen infrage, es ist normal, dass sie durchgeführt werden. Aber 2 Uhr morgens?“, pflichtete Ex-Rad-Star Laurent Jalabert in seiner Experten-Rolle bei France Télévisions bei.
Jalabert, Vuelta-Sieger von 1995, ist bei dem Thema vorbelastet: Im Jahr 2013 wurde publik, dass ihm 2004 in einem Nachtest EPO-Doping in der Hochdopingphase nachgewiesen worden sein. Jalabert beteuert, nie wissentlich gedopt zu haben.
Vingegaard selbst zeigte sich eher defensiv. „Man kann wohl sagen, dass es sicher nicht förderlich war. Ob das der Grund für den Unfall ist, darüber wage ich nicht zu spekulieren“, hielt er sich im Gespräch mit dem dänischen Sender TV2 zurück.
Tour de France: Warum wurden ausgerechnet die beiden Top-Stars kontrolliert?
Es bleibt die Frage, warum ausgerechnet Pogacar und Vingegaard, nicht aber die anderen Top-Fahrer kontrolliert wurden. Diesbezüglich verlor auch die ITA schließlich kein Wort. ARD-Journalist Gerska bemängelte „fehlende Chancengleichheit“ und auch Pineau kritisierte die Ungleichbehandlung.
„Wenn man das um 2:00 Uhr morgens machen muss, muss man die ersten zehn der Gesamtwertung kontrollieren“, verdeutlichte er.
Dies war nicht der Fall. Remco Evenepoel bestätigte gegenüber dem belgischen TV-Sender Sporza, dass er und seine Teamkollegen in der Nacht nicht von den Kontrolleuren aufgesucht wurden. Gleiches gilt für Paul Seixas, der die französischen Hoffnungen auf einen Podiumsplatz trägt.
Die Frage nach den Gründen für die außergewöhnliche Kontrolle Vingegaards und Pogacars dürfte den Radsport noch eine Weile beschäftigen.