Tour de France>

Tour de France: Armstrong kann Pogacar-Taktik kaum glauben

Armstrong verwundert von Pogacar

Tadej Pogacar und das UAE-Team zeigen sich schon zu Beginn der Tour de France angriffslustig. Rad-Legende Lance Armstrong zeigt sich verwundert über den Taktik-Wandel.
Tadej Pogačar triumphiert auf der dritten Etappe der diesjährigen Tour de France. Dabei sorgt der Sieg des Slowenen für eine besondere Situation an der Spitze.
Tadej Pogacar und das UAE-Team zeigen sich schon zu Beginn der Tour de France angriffslustig. Rad-Legende Lance Armstrong zeigt sich verwundert über den Taktik-Wandel.

Nach der kleinen Zeitfahr-Enttäuschung zum Auftakt der Tour de France haben Tadej Pogacar und das UAE-Team die Muskeln spielen lassen. Am Sonntag ließ Pogacar seinem Teamkollegen Isaac Del Toro den Vortritt, ehe er auf der ersten Pyrenäen-Etappe selbst den Turbo zündete und Jonas Vingegaard das Gelbe Trikot entriss.

Doch war das zu diesem frühen Zeitpunkt der Tour überhaupt nötig? Immerhin stehen noch zweieinhalb Wochen vor den Fahrern, die ihre Körner bei den ganz schweren Bergetappen noch benötigen werden.

„Was unser Taktikbuch über das Kräftesparen in den drei Wochen gesagt hat, spielt keine Rolle mehr. Das kann man jetzt aus dem Fenster werfen. Das hier ist ein ganz anderes Spiel“, wunderte sich Tour-Legende Lance Armstrong in seinem Podcast „The Move“ über die angriffslustige Fahrweise von Pogacar und seinen Kollegen.

„Sie schauen sich um und fragen die anderen: ‚Was?! Was habt ihr?‘ Sie feuern aus allen Rohren, und das nach drei Tagen!“, zeigte er sich verwirrt und beeindruckt zugleich.

Tour de France: Armstrong sieht enorme Unterschiede zu seiner aktiven Zeit

Armstrong, dessen sieben Tour-Siege wegen Dopings aberkannt wurden, machte deutlich, dass es damals zu diesem frühen Zeitpunkt niemals derartige Attacken auf den Etappensieg oder das Gelbe Trikot gegeben hätte.

„Lasst uns sagen, es ist 2005. Johan Bruyneel (Ex-Teamchef von US Postal und Discovery Channel) kommt in den Teambus und sagt: ‚Ok, Leute, so machen wir es!‘ Es ist die dritte Etappe“, stellte Armstrong ein Szenario auf und zeigte sich überzeugt, dass sein damaliger Edelhelfer und Podcast-Partner George Hincapie dieses Spiel nicht mitgespielt hätte.

„George wäre aufgestanden und aus dem Bus gegangen. ‚Ich werde das nicht machen. Jeder wird uns hassen und Scheiße über uns reden. Er hätte aus ganzem Herzen widersprochen'“, ist sich Armstrong sicher.

Selbst wenn Hincapie ein treuer Helfer war, ging es für die Top-Teams im Kampf um die Gesamtwertung zunächst nur darum, Kräfte zu sparen. Das Gelbe Trikot zu tragen geht schließlich auch mit der Verantwortung einher, sich an der Tempoarbeit im Peloton zu beteiligen. Damals standen in Woche eins fast nur Flachetappen auf dem Plan, die man bereitwillig den Sprintern überlassen konnte.

Hincapie hat den Wandel ebenfalls erkannt und stimmt seinem Ex-Kollegen voll und ganz zu. „Die Tour de France wird heute komplett anders als zu unserer Zeit gefahren. Große Teams wie Visma und UAE halten ihre Fahrer nicht mehr zurück. Wenn sie die Chance sehen, eine Etappe zu gewinnen, riskieren sie es. Auf der dritten Etappe bei noch drei zu fahrenden Wochen hätten wir das zu unserer Zeit niemals gemacht“, bestätigte er die Worte von Armstrong.

Armstrong und Hincapie erwarten dominantes UAE-Team

Doch könnte die offensive Fahrweise Pogacar und dem UAE-Team zum Verhängnis werden? Damit rechnen weder Armstrong noch Hincapie. Im Gegenteil: Für die beiden US-Amerikaner scheint Pogacar als Sieger der Tour de France schon festzustehen. Zu stark sei der viermalige Tour-Sieger im Verbund mit Edelhelfer Del Toro.

„Wenn Pogacar und die UAE mit den anderen Teams spielen wollen, ist ein Fahrer wie Isaac Del Toro perfekt. Wenn sie ihn ziehen lassen, holen die anderen ihn nicht mehr ein“, machte Armstrong klar. Del Toro sei für ihn „der zweitbeste Radfahrer der Welt„.
Von Pogacar zeigt sich der US-Amerikaner ohnehin schon lange begeistert. „Er ist mit Abstand der Beste aller Zeiten“, kam er in einer Podcast-Folge vor wenigen Wochen zu einem klaren Urteil.

Holm mit deutlichen Worten zu Vingegaard: „Wurde auf das Schafott gefahren“

Armstrong und Hincapie haben ihre Meinung keineswegs exklusiv. „Es war wie erwartet. Jonas wurde auf das Schafott gefahren, und sein Kopf rollte“, bilanzierte Ex-Profi Brian Holm die Etappe bei BT. „Für UAE sieht es spielerisch leicht aus, für alle anderen jedoch wie eine Frage von Leben und Tod“, sieht er deutliche Unterschiede.

„Sie fahren, als wäre es die Post Nord Danmark Rundt, die nur eine Woche dauert“, wunderte auch Holm sich über eine Herangehensweise, als wäre die Tour „morgen oder übermorgen vorbei“.

Remco Evenepoel zufolge hätte man durchaus auch den Ausreißern die Chance auf einen Etappensieg lassen können. „Es ist ein bisschen schade, dass sie die Ausreißer nicht haben fahren lassen“, führte er bei Sporza aus. Der Belgier hatte aber auch Verständnis für die kannibalistische Fahrweise von Pogacar. „Wenn du fühlst, dass du gewinnen kannst, solltest du es nicht liegen lassen“, verdeutlichte er.

Bei all der Ehrfurcht gegenüber Pogacar sei jedoch gesagt, dass die wahren Prüfungen noch warten. Hauptkonkurrent Jonas Vingegaard ist in der Gesamtwertung gleichauf mit dem Top-Favoriten – und wird nicht so schnell das Handtuch werfen.