Die nächtlichen Dopingkontrollen bei den beiden Tour-de-France-Giganten Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard schlagen weiter große Wellen – und die größte Skandalfigur der Radsport-Geschichte hält seine Gedanken nicht zurück.
"Ich bin sprachlos": Auch Lance Armstrong wütet
„Sprachlos“: Auch Armstrong wütet
„Kontrollen um zwei Uhr morgens sind eine Verletzung der Menschenrechte. Ich bin sprachlos“, kommentierte der selbst wegen der Aufdeckung seiner jahrelangen Dopingpraktiken um seine sieben Tour-Siege erleichterte Lance Armstrong den Fall in seinem Podcast The Move.
In einer auf mehreren Ebenen bemerkenswerten Ausführung erkannte der US-Amerikaner – der sich noch immer wahren Tour-Rekordhalter sieht – zwar an, dass er Dopingkontrollen an sich okay findet.
So jedoch ginge es nicht, findet der trotz seiner Vorgeschichte immer noch meinungsfreudige Texaner: „Es ist das härteste Sportereignis der Welt. Schlaf ist unerlässlich. Niemand hier sagt, dass du keine Tests machen solltest, aber mach sie nicht mitten in der Nacht. Nicht während des schwierigsten Sportereignisses der Welt.“
Diverse Tour-Stars sehen es ähnlich wie Lance Armstrong
In der Nacht auf Sonntag waren sowohl Titelverteidiger Pogacar als auch der inzwischen mit einem Schlüsselbeinbruch ausgeschiedene Vingegaard um 5 bzw. 2 Uhr aus dem Schlaf gerissen worden, um eine Probe abzugeben. Nicht nur Armstrong, auch mehrere heutige Tour-Stars übten in ähnlichem Wortlaut Kritik an dem Vorgehen der Kontrolleure.
Pogacar drückte sein grundsätzliches Verständnis aus, bezeichnete die Kontrollen nach der 15. Etappe am Sonntag aber auch als „inhuman“ und mutmaßte, dass der Schlafmangel zu Vingegaards folgenschweren Sturz in den Alpen beigetragen haben könnte.
Vingegaards Teamkollege Matteo Jorgenson sprach von einem „kompletten Mangel an Respekt gegenüber den Fahrern“. Pogacars Helfer im UAE-Team Florian Vermeersch von einer „fast unmenschlichen und verrückten Situation. Die Leute werden sagen, dass wir uns beschweren und jammern, aber das ist lächerlich.“
Auch der Tagessieger vom Sonntag, Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel, wütete und sprach von „unmenschlichem“ Verhalten der Kontrolleure: „Es ist sehr respektlos, Fahrer um 2 Uhr und um 5 Uhr zu wecken. Schlaf ist der einzige Moment, in dem wir uns erholen können. Das ist das härteste Rennen der Welt – und so macht man es noch härter.“
Fahrervereinigung schlägt Alternative vor
Die internationale Vereinigung der Radprofis (CPA) hat sich inzwischen ebenfalls mit einem Statement zu Wort gemeldet
„Sportler mitten in der Nacht für eine Dopingkontrolle aus dem Schlaf zu holen, sollte aus Sicht der CPA ernsthaft überdacht werden“, heißt es in der Stellungnahme: „Die Tour de France ist ein Wettbewerb, der außergewöhnliche körperliche Leistungen verlangt. Schlaf und Regeneration sind nicht nur für die Leistungsfähigkeit, sondern auch für die Gesundheit und Sicherheit der Fahrer von entscheidender Bedeutung.“
Die Praxis beeinträchtige die Erholung der Athleten und stehe „damit im Widerspruch zu den eigentlichen Zielen im Anti-Doping-Kampf“, schrieb die CPA: „Wäre es daher nicht sinnvoller, stärker in wissenschaftliche Forschung und moderne Nachweistechnologien zu investieren, anstatt die Zahl besonders einschneidender unangekündigter Kontrollen weiter zu erhöhen?“
Vorgehen der Doping-Jäger wirft Fragen auf
Die verantwortliche „International Testing Agency“ (ITA) verteidigte derweil ihr Vorgehen. Auch nächtliche Kontrollen seien für ein wirksames Anti-Doping-Programm notwendig. Sie dienten dem Schutz der Integrität des Radsports, hieß es.
Zugleich verwies die ITA auf die Vorgaben des Welt-Anti-Doping-Codes, des Weltverbandes UCI und des französischen Rechts. Vorwürfe, „das Wohlergehen oder Grundrechte der Sportler“ zu missachten, wies die Organisation zurück.
Die UCI-Anti-Doping-Regeln besagen eigentlich, dass die Kontrolleure Sportler zwischen 23 und 6 Uhr nicht aufsuchen, „es sei denn, sie hat einen schwerwiegenden und konkreten Verdacht, dass der Fahrer Doping betreibt“.
Ob die Kontrolleure Pogacar und Vingegaard wirklich aus diesem Grund aus dem Schlaf rissen, ist trotzdem ungewiss: Diverse Experten spekulieren auch, dass die ITA ein abschreckendes Zeichen gegen die Verwendung schnell abbaubarer Substanzen setzen wollte – und stellen kritische Fragen, ob die Wahl Pogacars und Vingegaards eine Form von Wettbewerbsverzerrung sei.
Vingegaard-Boss wiegelt ab
Unterstützung erhielt die ITA ironischerweise allerdings von Richard Plugge, Manager bei Vingegaards Team Visma-Lease a Bike.
„Das steht in den Regeln. Man weiß also, dass so etwas passieren kann. Dass es tatsächlich passiert, ist auch ein gutes Zeichen“, sagte er: „Wir tun in diesem Sport, was wir können – viel mehr als in vielen anderen Sportarten –, um sicherzustellen, dass der Radsport fair bleibt.“
Und auch Pogacar wirkt bemüht, seine Kritik nicht zu weit zu treiben: „Wenn das notwendig ist, um weiterhin zu beweisen, dass wir sauber fahren, dann akzeptiere ich das voll und ganz.“
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)