Nils Politt rollte bei sengenden 40 Grad in Bergerac am Teambus vor – und wurde von einem Knirps im Weltmeister-Trikot mit einem leibhaftigen Falken auf dem Arm begrüßt. Ein wenig Wüstenfeeling begleitet die Emirates-Mannschaft auf ihrer Mission in Südfrankreich. Tadej Pogacar zum fünften Sieg bei der Tour de France eskortieren – so lautet dabei Politts Auftrag. Und den erledigt der Kölner im Dienste Seiner Majestät bislang vorbildlich.
Tour de France: "Deutsche Giraffe" im Dienste seiner Majestät
Der Superstar hört auf seine „Giraffe“
„Du stehst die gesamte Zeit von Kilometer null bis zum Ziel über 21 Etappen unter Spannung. Du musst jeden Moment bereit sein, unvorhergesehene Aufgabe zu lösen“, sagte Politt der ARD: „Du musst drei Wochen lang fokussiert sein. Das ist eine harte Prüfung für deinen Kopf. Einfach ist dieser Job nicht.“
Tour: Politt „einer der besten Helfer der Welt“
Dass sein Kapitän Pogacar, der das Gelbe Trikot trägt und mit stattlichem Vorsprung dem neuerlichen Gesamtsieg bei der Tour de France entgegenfährt, über Politt sagt, dieser „sei einer der besten Helfer der Welt, wenn nicht sogar der Beste in seinem Job“, zeigt: Politt macht sehr viel richtig – und geht dafür über seine Grenzen.
„Nils Politt pulling in the Peloton“, er macht im Feld das Tempo – der Satz ist ein Dauerbrenner auf Radio Tour. Der baumlange Fighter, den Pogacar liebevoll „meine Giraffe“ nennt, bolzt an der Spitze, im Wind, in der Hitze, im Flachen, am Berg. Auf der schweren Pyrenäenetappe am Donnerstag zog Politt den Col d’Aspin hinauf, wie es sonst unter den „schweren Jungs“ nur Visma-Einhorn Wout Van Aert vermag.
Pogacar zahlte mit einem epischen Etappensieg zurück und lobte danach seine „verrückten Jungs“ überschwänglich. Trotz der klaren Hierarchie im Team funktioniert UAE im Geben und Nehmen. „Tadej ist ein herausragender Teamplayer und schafft es so, dass jeder von uns gern alles für ihn gibt“, bestätigt Politt.
Der 32-Jährige hat längst seine eigenen Ansprüche gegen den leisen Ruhm eines Schattenmannes getauscht – so wie einst auch sein früherer Katjuscha-Teamkollege Tony Martin in seinen späten Visma-Karrierejahren. 2021 war Politt als Bora-Profi in Nimes der bislang letzte Tour-Etappensieger, nun sind andere, weniger persönliche Erfolge wichtig. Zumal Pogacar mittlerweile auch Paris-Roubaix und damit Politts Lieblingsrennen für sich entdeckt hat.
In seinem dritten UAE-Jahr könnte Politt nun zum dritten Mal mit Pogacar den Toursieg feiern. Nur der Belgier Tim Wellens und der Brite Adam Yates waren ebenfalls stets dabei. Politt gehört damit zum engsten Kreis um den womöglich besten Radfahrer der Geschichte. Und dieser hört auf seine „Giraffe“.
Manchmal, sagt Politt, „müssen wir ihn auch bremsen“. Er, der so unvergleichlich Tempo machen kann, erledigt auch den gegenteiligen Job vorbildlich.