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Tour de France: Exklusiv! So denkt Kittel über die Lipowitz-Situation

Was passiert mit Lipowitz und Evenepoel?

Das deutsche Radsportteam Red Bull-Bora-hansgrohe setzt bei der Tour de France auf eine Doppelspitze, bestehend aus Florian Lipowitz und Remco Evenepoel. Ex-Profi Marcel Kittel beleuchtet die Situation.
Das Radsportteam Red Bull – BORA – hansgrohe hat auf dem Münchner Olympiaturm sein Sondertrikot für die Tour de France 2026 präsentiert. Das Design rückt die Zahl 13 in den Mittelpunkt, die im Radsport traditionell als Mythos gilt, für die beiden Kapitäne Florian Lipowitz und Remco Evenepoel jedoch als persönlicher Glücksbringer fungieren soll.
Das deutsche Radsportteam Red Bull-Bora-hansgrohe setzt bei der Tour de France auf eine Doppelspitze, bestehend aus Florian Lipowitz und Remco Evenepoel. Ex-Profi Marcel Kittel beleuchtet die Situation.

Kaum ein deutscher Fahrer kennt die Tour de France so gut wie Marcel Kittel. Zwischen 2013 und 2017 gewann der frühere Weltklasse-Sprinter insgesamt 14 Etappen bei der Frankreich-Rundfahrt und ist damit bis heute deutscher Rekordsieger. Bei der diesjährigen Tour richtet sich der Blick aus deutscher Sicht vor allem auf Florian Lipowitz, der bei seiner zweiten Teilnahme erneut um einen Platz auf dem Podium kämpft.

Eine der größten Herausforderungen wartet dabei womöglich innerhalb der eigenen Mannschaft. Bei Red Bull-Bora-Hansgrohe bildet Lipowitz gemeinsam mit Remco Evenepoel eine Doppelspitze. Das Potenzial der Konstellation ist enorm, zuletzt sorgten aber auch kleinere Nebengeräusche zwischen den beiden Kapitänen für Diskussionen. Im Gespräch mit SPORT1 analysiert Kittel die Dynamik im Team, bewertet die Chancen von Lipowitz und wirft schon einen Blick in die letzte Tour-Woche.

SPORT1: Marcel Kittel, die Tour-Stars fahren allmählich dem Ende der zweiten Woche entgegen. Aus Sicht von Red Bull-Bora-Hansgrohe liegt Remco Evenepoel im Gesamtklassement auf Rang drei, Florian Lipowitz auf Rang sieben. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Marcel Kittel: Alles in allem kann das Team mit dem bisherigen Verlauf der Tour zufrieden sein. Die Jungs haben die schwierigen ersten Tage solide gemeistert. Gerade die Anfangsphase war mit ihrem anspruchsvollen Profil alles andere als einfach. Man hat gesehen, dass man sich erst finden muss. Mittlerweile wirkt die Mannschaft aber stabil und hat eine gute Ausgangslage. Mit Evenepoel und Lipowitz sind zwei Fahrer in aussichtsreichen Positionen. Das bringt Optionen für die nächsten Tage. Jetzt wird es darauf ankommen, wie sie die schweren Bergetappen in den letzten neun Tagen meistern. Jetzt beginnt der Teil der Tour, in dem sich alles entscheidet.

Tour de France: Lipowitz und Evenepoel wahren Podest-Chance

SPORT1: Wer von beiden am Ende die besseren Chancen auf einen Platz ganz vorne hat, ist noch offen. Trauen Sie einem der beiden den Sprung aufs Tour-Podium in Paris zu?

Kittel: Auf jeden Fall. Beide haben schon bewiesen, dass sie das Niveau für ein Tour-Podium besitzen. Deshalb würde es mich nicht überraschen, wenn einer von ihnen tatsächlich unter den besten Drei landet. Wichtig werden vor allem zwei Faktoren sein. Zum einen das Zeitfahren, das für die Gesamtwertung noch einmal ein Wendepunkt werden kann. Dort hat Evenepoel Vorteile. Andererseits sind da natürlich die großen Bergetappen in der Abschlusswoche, die Stärke von Lipowitz – unter anderem mit Alpe d’Huez. Und ich behaupte: Die Wahrheit kommt erst im Hochgebirge ans Licht.

SPORT1: Das Verhältnis zwischen Lipowitz und Evenepoel ist ein Dauerthema geworden. Spätestens seit dem Vorwurf des Belgiers, sein deutscher Co-Kapitän Florian Lipowitz habe ihm auf der sechsten Etappe vor dem Ziel nicht ausreichend geholfen.

Kittel: Das ist definitiv eine Herausforderung. Man darf aber nicht vergessen, dass Evenepoel ganz bewusst verpflichtet wurde, um die Mannschaft bei den großen Rundfahrten zu verstärken. Die Doppelspitze war von Anfang an Teil des Plans und wurde auch entsprechend kommuniziert. Gleichzeitig bringt das eine besondere Dynamik mit sich. Evenepoel befindet sich in seiner achten Profisaison, hat bedeutende Rennen gewonnen und zählt seit Jahren zu den besten Fahrern im Feld. Er kommt mit einem ganz anderen Erfahrungsschatz und auch mit einem anderen Selbstverständnis in eine Tour de France als ein Lipowitz, der noch deutlich früher in seiner Entwicklung steht.

SPORT1: Wie schwer ist es gerade für einen etablierten Profi wie Evenepoel, auf einmal einen Teamkollegen zu haben, der ebenfalls um das Podium fährt?

Kittel: Garantiert schwierig. Aber nicht nur für Evenepoel, auch für Lipowitz. Man merkt, dass beide sehr ehrgeizig sind und möglichst weit nach vorne fahren wollen. Das macht diese Konstellation für das Teammanagement so anspruchsvoll. Es geht nicht nur darum, die sportliche Leistung zu koordinieren, sondern auch darum, die Interessen zweier Fahrer unter einen Hut zu bringen, die beide berechtigte Ansprüche haben. Für mich wird der Schlüssel zum Erfolg darin liegen, ob es gelingt, die beiden als Einheit auftreten zu lassen. Beide müssen in Paris sagen können: Wir sind als Team gefahren.

Lipowitz? „Die Fahrer können kein Interesse an einem Konflikt haben“ 

SPORT1: Kann ein Team wie Red Bull-Bora-Hansgrohe denn tatsächlich über drei Wochen mit zwei gleichberechtigten Kapitänen erfolgreich sein oder braucht es ab einem gewissen Punkt zwangsläufig eine klare Hierarchie?

Kittel: Grundsätzlich ginge das. Der große Vorteil ist, dass man flexibel auf den Rennverlauf reagieren kann. Gerade bei einer dreiwöchigen Rundfahrt weiß man nie, welcher Fahrer in der entscheidenden Phase die besseren Beine haben wird. Ich würde an der Stelle des Teams zunächst Ruhe bewahren und die Entwicklung abwarten. Da ist es oft sinnvoll, sich mehrere Optionen offenzuhalten. Also glaube ich, die Mannschaft wird die Situation erstmal weiter beobachten. Die anstehenden Bergetappen werden dann zeigen, wie sich das Rennen in der dritten Woche entwickelt. Dann sieht man, wer Attacken mitgehen kann, wer sich schneller erholt und wer konstanter fährt.

SPORT1: Evenepoel gilt als sehr selbstbewusst und ausgesprochen direkt. Ist das als Kapitän eher eine Stärke oder birgt genau das Konfliktpotenzial?

Kittel: Nicht unbedingt. Lipowitz wirkt eher ruhig, sachlich und zurückhaltend. Evenepoel ist emotionaler und lässt seine Gefühle häufiger erkennen. Solche Unterschiede können innerhalb eines Teams durchaus funktionieren, solange das gemeinsame Ziel im Vordergrund bleibt. Irgendwann wird es aber wahrscheinlich einen Moment geben, an dem die Straße die Entscheidung trifft. Wenn einer der beiden in den Hochalpen klar stärker ist als der andere, dann entsteht die Hierarchie oft ganz automatisch. Das macht die kommenden Tage für das  Team so interessant.

SPORT1: Die Mannschaft war bislang bemüht, das Thema um mögliche Konflikte herunterzuspielen. Einmal veröffentlichten sie ein gemeinsames Video von Evenepoel und Lipowitz aus dem Teambus – als Signal, dass alles in Ordnung sei … 

Kittel: Wenn ein Team so ein Video veröffentlicht, dann steckt eine Botschaft dahinter. Man will nach außen Geschlossenheit demonstrieren und verhindern, dass daraus eine größere Geschichte wird. Das ist völlig normal. Letztlich wissen wir aber nicht, was intern tatsächlich besprochen wurde. Wir sitzen nicht im Mannschaftsbus und sollten vorsichtig mit Spekulationen sein. Mein Eindruck ist, dass die Verantwortlichen richtig handeln. Weder das Team noch die beiden Fahrer können ein Interesse an einem Konflikt haben. Und die Signale, die danach gesendet wurden, sprechen jedenfalls dafür, dass man die Situation zunächst gut eingefangen hat.

Tour de France: „Moment wird kommen, an dem eine Entscheidung getroffen wird“

SPORT1: Kann Lipowitz‘ zurückhaltende Art in einer solchen Konstellation dennoch ein Nachteil im Vergleich zu Evenepoels Impulsivität sein?

Kittel: Sicherlich. Allerdings bedeutet das nicht, dass er weniger ehrgeizig oder weniger professionell wäre. Im Gegenteil. Sein Anspruch an sich selbst und seine Motivation sind genauso groß. Er geht nur anders damit um und transportiert das nach außen weniger offensiv. Dazu kommt: Evenepoel ist es gewohnt, als Anführer wahrgenommen zu werden. Für Lipowitz ist vieles noch relativ neu. Deshalb ist diese Tour für ihn auch abseits der rein sportlichen Ergebnisse wichtig. Wer eine Leaderrolle übernehmen will, muss auch lernen, diese Position innerhalb einer Mannschaft auszufüllen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich in dieser Hinsicht in den kommenden Monaten und Jahren weiterentwickelt.

SPORT1: Wenn Sie der Sportliche Leiter von Red Bull-Bora-Hansgrohe wären: Ab wann würden Sie jeine klare Nummer eins benennen – auch auf die Gefahr hin, den anderen Fahrer zu verärgern? 

Kittel: Im Moment noch nicht. Der Abstand zwischen Evenepoel und Lipowitz im Gesamtklassement ist überschaubar, die schweren Alpen-Etappen kommen jetzt erst. Klar ist aber auch: Es wird der Moment kommen, an dem eine Entscheidung getroffen werden muss. Dafür schaut man auch auf die Leistungsdaten und darauf, wie sich ein Fahrer im Rennen präsentiert. Bei einer Grand Tour kann man eine solche Frage nicht bis zum letzten Tag offenlassen. Umso wichtiger ist es, die Mannschaft schon jetzt dieses Szenario vorzubereiten. Wenn die Situation eintritt, muss das Team schnell und geschlossen handeln können.