Neun von 21 Etappen liegen hinter den Fahrern, knapp 1500 der insgesamt 3321 Kilometer sind absolviert und die erste Zäsur der Tour de France fällt deutlich aus: Tadej Pogacar scheint erneut in einer eigenen Liga unterwegs zu sein, während hinter dem Slowenen ein spannender Kampf um die Podiumsplätze tobt. Mittendrin: Florian Lipowitz, der sich mit mehreren Topstars um die begehrten Ränge duelliert. Gleichzeitig sorgt die außergewöhnliche Hitze immer wieder für Diskussionen im Peloton.
"Das bleibt im Hintergrund präsent - egal, was öffentlich gesagt wird"
„Die Situation bleibt ungewöhnlich“
SPORT1 hat am ersten Ruhetag mit Jens Voigt eine Zwischenbilanz gezogen. Der frühere Profi stand selbst 17 Mal beim wichtigsten Radrennen der Welt am Start und begleitet das Rennen heute als Eurosport-Experte. Im Interview spricht der 53-Jährige über die Dominanz von Pogacar, die Chancen von Lipowitz, die schwierige Teamkonstellation bei Red-Bull-Bora-hansgrohe und die Aussichten der deutschen Sprinter. Außerdem erklärt der 53-Jährige, warum ihn die Tour trotz Pogacars Überlegenheit keineswegs langweilt.
Tour de France: „Sportlich wirkt Pogacar nahezu unangreifbar“
SPORT1: Jens Voigt, viele sagen nach der ersten Woche: Pogacar hat die Tour praktisch schon gewonnen. Würden Sie widersprechen?
Voigt: Nein, ehrlich gesagt nicht. Für mich ist die Tour im Kampf um das Gelbe Trikot weitgehend entschieden. Ich gehe sogar davon aus, dass sein Vorsprung in den kommenden Tagen eher noch wachsen wird, weil sich Pogacar wahrscheinlich noch weitere Etappensiege holt. Eine der Bergetappen nach L’Alpe d’Huez und die nach Le Markstein traue ich ihm mindestens zu. Ich sehe niemanden, der ihn im Gesamtklassement ernsthaft unter Druck setzen kann.
SPORT1: Nach seiner Machtdemonstration auf der sechsten Etappe in den Pyrenäen liegt Pogacar schon 2:42 Minuten vor dem Zweitplatzierten Jonas Vingegaard.
Voigt: Die Konkurrenz kann eigentlich nur darauf hoffen, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Ein schlechter Tag, ein Fahrfehler, ein Sturz – sportlich wirkt Pogacar nahezu unangreifbar. Er fährt hervorragend bergauf, souverän bergab, macht taktisch kaum Fehler und ist selbst im Zeitfahren eine Klasse für sich. Dazu kommt die enorme Stärke seines Teams. Selbst wenn Pogacar Probleme bekommen sollte, hat UAE mit Isaac Del Toro noch einen Fahrer in den eigenen Reihen, der im Gesamtklassement hervorragend positioniert ist. Aktuell fährt Pogacar aber erneut in seiner eigenen Welt.
Voigt enttäuscht von Jonas Vingegaard
SPORT1: Fürchten Sie für den Rest der Tour de France Langeweile?
Voigt: Nein, überhaupt nicht. Die Tour bietet auch jenseits des Gelben Trikots reichlich Spannung. Im Kampf um die weiteren Podiumsplätze ist alles offen. Daneben gibt es noch jede Menge andere Geschichten. Das Grüne Trikot, das Bergtrikot, die Etappensiege, Fluchtgruppen – all das sorgt weiterhin für Spannung. Und selbst bei Pogacar bleibt die Frage interessant, welche Ziele er sich noch setzt. Will er vier oder fünf Etappen gewinnen? Gibt er einzelnen Ausreißergruppen eine Chance? Fährt sein Team künftig konsequent auf Etappensiege oder verteilt es die Freiheiten innerhalb der Mannschaft? Und dann sind da noch die Sprinter, die ihre Chancen suchen werden. Für mich bietet diese Tour viel Stoff für spannende Renntage.
SPORT1: Haben Sie sich mehr von Vingegaard erhofft?
Voigt: Ja, schon. Ich hatte erwartet, dass Jonas nach seinem Giro-Sieg näher an Pogacar herankommt. Er hat sein Programm bewusst verändert, weil die Herangehensweise der vergangenen Jahre zwar zu starken Ergebnissen, aber eben nicht zum Tour-Sieg geführt hat. Der Giro hat ihm zusätzliche Rennhärte, Selbstvertrauen und wichtige Erfolgserlebnisse gebracht. Deshalb dachte ich, dass er bei dieser Tour mehr auf Augenhöhe mit Pogacar sein könnte. Ganz so ist es bisher nicht gekommen. Wobei man auch fairerweise sagen muss: Auf der Etappe zum Tourmalet war er lange nah dran. Unterm Strich fehlt ihm aber doch ein Stück, um Pogacar attackieren zu können.
Lipowitz? „Das ist gar nicht so einfach“
SPORT1: Aus deutscher Sicht richten sich viele Augen auf Florian Lipowitz. Was trauen Sie ihm noch zu – ist das Podium wieder drin?
Voigt: Absolut. Ich halte das für eine sehr reale Möglichkeit. Ich habe schon vor der Tour gesagt, dass ich ihm das Podium zutraue. Andererseits ist die Konkurrenz enorm stark. Del Toro fährt eine beeindruckende Rundfahrt, Paul Seixas hat seine Klasse gezeigt, Remco Evenepoel ist dabei und auch Juan Ayuso wird seine Ambitionen haben. Kandidaten für die Topplätze gibt es also mehr als genug. Der Kampf um Rang drei ist für mich momentan wahrscheinlich der spannendste Part dieser Tour. Da können Kleinigkeiten den Unterschied machen.
SPORT1: Wie schwer ist es für Lipowitz, nach einem Podium beim Tour-Debüt im vergangenen Jahr plötzlich mit ganz anderen Erwartungen umgehen zu müssen?
Voigt: Das ist gar nicht so einfach. Im ersten Jahr bist du die Überraschung, alle feiern dich. Im zweiten Jahr wird dieselbe Leistung plötzlich erwartet. Genau das verändert den Druck. Das Gute ist: Florian wirkt auf mich sehr bodenständig und reflektiert. Ich traue ihm zu, mit der Situation gut umzugehen. Trotzdem ist es immer leichter, als Außenseiter zu überraschen, als ein starkes Ergebnis zu bestätigen. Dazu kommt, dass Florian seine Rolle innerhalb des Teams mit Remco Evenepoel finden muss. Die Frage wird sein, wie stark er in den Bergen auftreten kann. Im Zeitfahren würde ich Remco weiterhin Vorteile einräumen. Auf der anderen Seite warten noch extrem anspruchsvolle Bergetappen.
Zoff zwischen Lipowitz und Evenepoel? „Solche Themen verschwinden nicht einfach“
SPORT1: Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Lipowitz und Evenepoel generell ein? Kann diese Konstellation auf Dauer funktionieren?
Voigt: Die Doppelkapitänsrolle kann in beide Richtungen gehen. So wie es jetzt ist, sind die Rollen nicht genau geklärt. Beide Fahrer haben gute Argumente auf ihrer Seite und dürften sich zutrauen, die Mannschaft anzuführen. Beide standen bereits auf dem Tour-Podium und wissen, dass sie dieses Niveau erreichen können. Ich gehe aber davon aus, dass das Hochgebirge für Klarheit sorgen wird. Dort werden sich die Kräfteverhältnisse zeigen. Meiner Einschätzung nach ist Lipowitz in den langen, schweren Anstiegen etwas konstanter und belastbarer. Gleichzeitig darf man nicht ignorieren, dass es Reibungen zwischen den beiden gegeben hat. Solche Themen verschwinden nicht einfach, sondern bleiben im Hintergrund präsent. Egal, was öffentlich gesagt wird.
SPORT1: Das Team von Red-Bull-Bora-hansgrohe wirkt im Vergleich zu anderen Topmannschaften bislang nicht ganz auf Augenhöhe. Auf der neunten Etappe mussten Lipowitz und Evenepoel über weite Strecken ohne Helfer auskommen. Bereitet das Sorgen?
Voigt: Das ist ein Punkt, den man kritisch hinterfragen muss. Wenn man sieht, dass Pogacar in der entscheidenden Phase von fast seiner gesamten Mannschaft umgeben ist, während bei Red Bull nur noch die beiden Kapitäne übrig bleiben, dann stimmt etwas nicht. Das kann nicht der Anspruch eines Teams sein, das um Podiumsplätze und Siege kämpfen will. Jetzt muss man schauen, was die Ursachen waren. In den vergangenen Tagen hatten wir enorme Hitze, solche Bedingungen können Fahrer stärker belasten, als man von außen sieht. Es kann auch sein, dass der eine oder andere gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe ist. Dennoch bleibt die Situation ungewöhnlich.
Deutscher Etappensieg? „Da bin ich skeptisch“
SPORT1: Beim Blick auf die bisherigen Etappensieger fällt auf: Fast ausschließlich die großen Namen gewinnen – unter anderem Pogacar, Vingegaard, Mathieu van der Poel, Tim Merlier. Wird die Kluft zwischen den Superstars und dem Rest des Feldes immer größer?
Voigt: Diesen Eindruck habe ich durchaus. Das hängt mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Teams zusammen. Im Fußball heißt es oft: Geld schießt keine Tore. Aber am Ende schießt Geld eben doch Tore. Im Radsport gilt etwas Ähnliches. Wenn du Fahrer wie Del Toro, Adam Yates oder Tim Wellens in deinem Team hast – allesamt Rennsieger und Tour-Etappengewinner –, ist die Ausgangslage eine ganz andere als bei Mannschaften, die viele junge Fahrer haben. Schaut man sich die gesamte Saison an, gewinnen gefühlt vier oder fünf Teams den Großteil aller Rennen – und es sind immer wieder dieselben Namen. Für die kleineren Teams ist das frustrierend. Selbst mit perfekter Vorbereitung und guter Taktik stoßen sie irgendwann an ihre Grenzen.
SPORT1: Auch die deutsche Durststrecke dauert schon lange an. Nils Politt war vor fünf Jahren der bislang letzte deutsche Tour-Etappensieger. Reißt diese Serie in diesem Jahr noch?
Voigt: Da bin ich skeptisch. Bei den Sprintankünften sehe ich aktuell wenig Chancen auf einen deutschen Etappensieg. Fahrer wie Tim Merlier, Jasper Philipsen oder Biniam Girmay wirken konstanter und stärker. Unsere Sprinter fahren oft um die Plätze drei bis sechs, was respektabel ist, aber eben noch nicht ganz für Siege reicht. Dazu kommt, dass Fahrer wie Politt oder Nico Denz in ihren Teams vor allem wichtige Helferrollen übernehmen. Dadurch werden sie nur selten die Freiheit erhalten, konsequent auf eigene Etappenerfolge zu fahren. Bei einer Grand Tour kann immer etwas passieren, aber im Moment spricht wenig dafür, dass die deutsche Durststrecke in diesem Jahr endet.
SPORT1: Wie sehen Sie die deutschen Sprinter Max Kanter, Phil Bauhaus oder Pascal Ackermann?
Voigt: Das sind alles Fahrer mit hoher Qualität, daran gibt es keinen Zweifel. Sie können jederzeit um Spitzenplatzierungen mitsprinten und regelmäßig unter die besten Fünf oder Sechs fahren. Das Problem ist nur: Zwischen einem Podestplatz und einem Etappensieg liegt auf diesem Niveau oft eine ganze Menge. Früher hatten wir mit André Greipel oder Marcel Kittel Sprinter, bei denen man vor einem Massensprint sagen konnte: Wenn alles normal läuft, gewinnen sie die Etappe. Eine solche Ausgangslage haben wir heutzutage längst nicht mehr.
Hitze-Probleme bei der Tour de France? Das sagt Voigt
SPORT1: Die Hitze ist eines der großen Themen dieser Tour. Eine Etappe wurde verkürzt, bei einer anderen sollten wegen der Brandgefahr keine Fans ins Zielgebiet kommen. Gab es solche extremen Bedingungen früher zu Ihren aktiven Zeiten auch schon?
Voigt: Heiße Tage schon. Aber neun Tage am Stück mit Temperaturen von 35 Grad und mehr – daran kann ich mich in dieser Form nicht erinnern. Die Bedingungen sind außergewöhnlich hart. Man sieht es den Fahrern regelrecht an: Viele kommen mit einer dicken Salzschicht auf der Haut ins Ziel. Das zeigt, wie viel Flüssigkeit und Energie sie verlieren. Die Belastung für die Fahrer ist enorm. Gleichzeitig würde ich vorsichtig sein, daraus sofort eine allgemeingültige Entwicklung für die nächsten Jahrzehnte abzuleiten. Vor 20 Jahren gab es schließlich auch Hitzewellen und sehr warme Sommer.
SPORT1: Pogacar hat gesagt, wenn es nach ihm ginge, würde man im Juli und August gar nicht mehr in den heißen Regionen fahren.
Voigt: Aus Sicht der Fahrer auf jeden Fall. Aber die Realität ist weitaus komplizierter. Hinter der Tour de France steht ein riesiger organisatorischer Apparat. Die Verträge mit den Etappenorten werden oft Jahre im Voraus geschlossen. Dann findet die Tour traditionell im Juli statt – also genau in der Zeit, in der in Frankreich und vielen anderen Ländern Ferien sind. Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum so viele Menschen entlang der Strecke stehen und warum die Tour diese enorme Aufmerksamkeit bekommt. Man könnte natürlich sagen: Dann startet man die Etappen früher. Aber auch das bringt neue Probleme mit sich. Wenn die Fahrer mittags oder kurz nach Mittag ins Ziel kommen, sinkt die TV-Reichweite erheblich. Deshalb steckt hinter dieser Diskussion ein ganzer Rattenschwanz an Fragen.