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Scheitert Deutschlands Tour-de-France-Bewerbung aus heiklen Gründen?

Tour in Deutschland? Heikler Haken

Im Jahr 2029 will Deutschland eine ähnliche Tour-de-France-Party feiern wie in diesem Jahr Barcelona. Regionale Interessen könnten jedoch zur Hürde werden.
Tadej Pogacar schenkt seinem Edelhelfer Isaac del Toro bei der zweiten Etappe der Tour de France den Sieg. Das Gesamtklassement führt aber weiter der Däne Jonas Vingegaard an.
Im Jahr 2029 will Deutschland eine ähnliche Tour-de-France-Party feiern wie in diesem Jahr Barcelona. Regionale Interessen könnten jedoch zur Hürde werden.

Tadej Pogacar in Popstar-Pose vor der Sagrada Familia, Florian Lipowitz im Tiefflug auf Barcelonas Küstenallee, Jonas Vingegaard als strahlender Gelb-Held am berühmten Montjuic – und die ganze Stadt proppevoll von Fanmassen. Der Grand Départ der Tour de France lieferte exakt die prächtigen Bilder, welche die Herrscher über die Frankreich-Rundfahrt erhofft hatten. Und die sie auch von künftigen Auftakt-Gastgebern einfordern. Die Macher einer deutschen Bewerbung für den Tour-Start 2029 sollten beim Vorbild Barcelona ganz genau hingeschaut haben.

„Wir sind begeistert und überglücklich“, sagte Bürgermeister Jaume Collboni am Sonntagabend nach dem Schlussakt in Barcelona: „Das war unser größten Sportereignis seit Olympia 1992.“ Die Sport-Postille El Mundo Deportivo hob „Tourcelona“ gar auf eine Stufe mit dem Sommermärchen vor 34 Jahren: „Diese stets pulsierende Stadt hat geglänzt wie damals.“ Und im Hinterkopf meinte man Montserrat Caballé und Freddie Mercury ihr „Barcelona“ schmettern zu hören.

Tour de France: Barcelona rechnet mit 120-Millionen-Euro-Erlös

Seit der Teampräsentation am Donnerstag strahlte die Stadt als Dauerwerbesendung in die Welt, Ramblas hier, Mittelmeer da, Picasso dort, Miro daneben. Eine schiere Gaudí-Gaudi, Barcelona überall. Zehn Millionen Lizenz-Euro soll die Stadt an die Tour-Organisationen gezahlt haben, und auch wenn der wirklich Unkosten-Betrag deutlich höher gelegen haben sollte, übersteigen ihn die Folgeeinnahmen bei weitem: Barcelonas Stadtrat rechnet mit einem Erlös von über 120 Millionen Euro.

Der Grand Départ als Marketing-Maßnahme ist unübertroffen, das erlebten auch Bilbao (2023) oder Florenz (2025), selbst das im Regen versunkene Düsseldorf (2017) zog dereinst ein positives Fazit: Von einer „großen Sympathiewerbung“ sprach der damalige Oberbürgermeister Thomas Geisel.

Tour de France: Erfolgt der Start 2029 in Berlin?

2027 startet die Tour in Edinburgh, Liverpool und Cardiff. Nach der Champagne 2028 ist 2029 wieder ein Auslandsauftakt vorgesehen – und diesen will Deutschlands ausrichten. 42 Jahre nach dem Grand Départ im Westen des geteilten Berlins könnte die Hauptstadt wieder Schauplatz werden, auch Bundeskanzler Friedrich Merz setzt sich dafür ein. Wie sehr der Schwerpunkt auf Berlin liegt, ist die entscheidende Frage.

„Die Bewerbung ist eingereicht“, sagte Rudolf Scharping, früherer Bundesminister und Ex-Chef des deutschen Radsport-Verbandes, damals BDR, in Barcelona der ARD. Es gehe dabei um Berlin, aber „auch um Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Eine Riesenchance, um die Geschichte der Freiheit und den Fall der Mauer zu erzählen.“

Es ist kein Geheimnis, dass die Tour-Macher der französischen A.S.O. mit Boss Christian Prudhomme diese Geschichte vornehmlich an Berlin erzählt wissen wollen – Deutschlands Welt(geschichts)-Metropole im Mittelpunkt eines knackigen Wochenendes, so wie jetzt Barcelona. Doch wie viel Platz darf und kann da für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bleiben? Zumal in Prag und der Pogacar-Heimat Slowenien attraktive Konkurrenten mitbieten?

„Die Strahlkraft hat Berlin, das weiß die A.S.O. ganz genau“, sagte Radsport-Manager Jörg Werner im ARD-Podcast Tourfunk: „Die haben total Bock auf Berlin.“

Tour de France: Hoffmann plädiert für drei Etappen in Ostdeutschland

Für Thomas Hofmann vom Verein Grand Départ Allemagne, gleichsam Sachsens Rad-Präsident, ist indes die „3+1“-Lösung unverhandelbar: „Berlin wird dabei sein. Aber wir werden natürlich nicht von der ursprünglichen Idee abgehen, die drei Etappen hier in Ostdeutschland in den drei Bundesländern durchzuführen.“

Es ist das Kernproblem: Eine Bewerbung mit dem Zentrum Berlin – einem potenziellen „Tourlin“ wie „Tourcelona“ – besitzt die besten Erfolgsaussichten. Die Idee, auch das ostdeutsche Umland mitzunehmen, ist aus hiesiger politischer Sicht zwar mehr als nachvollziehbar – der A.S.O. aber womöglich zu unsexy.

Und wie eine gut gemeinte Bewerbung in der Verstrickung in regionale Interessen ertrinken kann, weiß Sportdeutschland seit der grandios gescheiterten Olympia-Bewerbung Leipzig 2012.