Tour de France>

Tour-Zoff um Nacht-Kontrollen! Doping-Experte Sörgel: "Warum muss nachts kontrolliert werden?"

Ist Voigts Sturz-These haltbar?

Nächtliche Dopingkontrollen sorgen bei der Tour de France für heftige Diskussionen. Nach den Stürzen von Jonas Vingegaard und Florian Lipowitz stellt sich die Frage: Kann Schlafmangel die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen? Dopingexperte Prof. Fritz Sörgel ordnet die Debatte bei SPORT1 wissenschaftlich ein.
Florian Lipowitz ist bei der Tour de France schwer gestürzt und musste umgehend aufgeben. Das erinnert an einen Sturz vom vergangenen Wochenende.
Nächtliche Dopingkontrollen sorgen bei der Tour de France für heftige Diskussionen. Nach den Stürzen von Jonas Vingegaard und Florian Lipowitz stellt sich die Frage: Kann Schlafmangel die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen? Dopingexperte Prof. Fritz Sörgel ordnet die Debatte bei SPORT1 wissenschaftlich ein.

Als Jonas Vingegaard am Sonntag auf der 15. Etappe der Tour de France schwer stürzte und mit einem Schlüsselbeinbruch aufgeben musste, ahnt noch niemand, dass die folgende Diskussion noch Tage füllen würde. Denn der Däne war in der Nacht zuvor gegen zwei Uhr einer Dopingkontrolle unterzogen worden.

Nur zwei Tage später erwischt es auch Florian Lipowitz. Der letztjährige Tour-Dritte stürzte auf der 16. Etappe schwer, brach sich ebenfalls das Schlüsselbein und musste die Frankreich-Rundfahrt beenden. Auch sein Team Red Bull-Bora-hansgrohe war zuvor von einem Kontrolleur aus dem Bett geklingelt worden.

Tour de France: Schwere Stürze wegen Doping-Kontrollen in der Nacht?

Zufall oder möglicher Zusammenhang? Radsport-Legende Jens Voigt stellte bei Eurosport genau diese Frage. Einen Beweis gibt es dafür allerdings nicht – und genau davor warnt auch Dopingexperte Prof. Fritz Sörgel.

„Man neigt natürlich dazu, Zusammenhänge zu sehen. Aber ich würde mich nicht hinstellen und sagen: Die Stürze sind wegen der nächtlichen Kontrollen passiert“, sagt der renommierte Pharmakologe im Gespräch mit SPORT1.

Sörgel: Blick auf die Wissenschaft statt auf Spekulationen

Für Sörgel führt die Debatte in die falsche Richtung. Statt über einzelne Stürze zu spekulieren, müsse man sich anschauen, was die Wissenschaft über Schlafunterbrechungen weiß. „Man muss dorthin gehen, wo solche Untersuchungen überhaupt vorhanden sind“, sagt der 75-Jährige. „Das ist die Arbeitsmedizin mit ihren Erkenntnissen über Nachtarbeit und Schichtdienste.“

Dort sei seit Jahren bekannt, dass Menschen nach unterbrochenem Schlaf am Folgetag körperlich und geistig weniger leistungsfähig sein können. „Fragen Sie einmal einen Arzt nach einem Nachtdienst oder einen Sicherheitsbeamten. Die sind am nächsten Tag nicht immer in Bestform.“

Diese Erkenntnisse ließen sich grundsätzlich auch auf Hochleistungssportler übertragen. Denn auch sie seien – trotz ihrer außergewöhnlichen Leistungsfähigkeit – biologisch keine Ausnahme. „Der eine Mensch steckt eine Schlafunterbrechung gut weg, der andere gar nicht. Hochleistungssportler mögen in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich sein, aber sie sind auch nur Menschen“, sagt Sörgel.

Schlaf als wichtigster Regenerationsfaktor

Gerade im Spitzensport habe Schlaf inzwischen einen enormen Stellenwert. Das zeige schon der Boom von Schlaftrackern und Wearables, die täglich die Schlafqualität analysieren.

„Im Zusammenhang mit Longevity wird dem Schlaf heute enorm viel Bedeutung zugemessen“, erklärt der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. „Die Sportmedizin weiß seit Langem, wie wichtig Schlaf für die Regeneration ist.“

Dass Spitzensportler alles dafür tun, gut zu schlafen, sei ebenfalls bekannt. „Boris Becker hat früher offen erzählt, dass Schlafmittel im Profitennis ein Thema waren. Dass das heute überhaupt keine Rolle mehr spielen soll, kann man sich kaum vorstellen.“

Cortisol und Stoffwechsel reagieren auf nächtliches Wecken

Besonders kritisch sieht Sörgel den Zeitpunkt der Kontrollen. „Diese nächtlichen Kontrollen fallen genau in die Phase des physiologisch niedrigsten Cortisolspiegels. Das Wecken aktiviert die Stressachse zu einem biologisch ungünstigen Zeitpunkt.“ Dadurch könnten Schlafarchitektur, Erholung und die Leistungsfähigkeit am folgenden Tag beeinträchtigt werden.

Gleichzeitig mahnt Sörgel zur Differenzierung. „Das passiert nicht automatisch bei jedem Menschen. Aber im Einzelfall können ganze Stoffwechselkaskaden angestoßen werden, die bis in den nächsten Tag hinein wirken.“

Die International Testing Agency (ITA) verteidigt die nächtlichen Kontrollen als wichtigen Bestandteil des Anti-Doping-Kampfes. Unangekündigte Kontrollen – auch in der Nacht – seien notwendig, um gezielte Mikrodosierungen aufzudecken und die Integrität des Sports zu schützen.

„EPO verschwindet nicht nach einer Stunde“

Für Sörgel reicht diese Begründung allerdings nicht aus. „Natürlich sind Dopingkontrollen notwendig“, betont er. „Aber wenn man eine Maßnahme einführt, die tief in den Schlaf und die Regeneration eingreift, sollte man auch wissenschaftlich belegen können, warum sie notwendig ist.“

Die häufige Begründung, man könne dazu keine Daten veröffentlichen, weil man Dopern keine Hinweise geben wolle, überzeugt ihn nicht. „Niemand verlangt die Offenlegung der Messmethoden. Aber man könnte durchaus sagen, wie viele relevante Dopingfälle durch nächtliche Kontrollen tatsächlich aufgedeckt wurden.“

Auch den medizinischen Nutzen der nächtlichen Testzeiten hinterfragt Sörgel. „EPO, Wachstumshormon oder Testosteron sind keine Substanzen, die eine Stunde wirken und anschließend spurlos verschwinden“, sagt er. „Deshalb stellt sich schon die Frage: Warum muss genau nachts kontrolliert werden?“

Sorge vor einer gefährlichen Entwicklung

Sollte die ITA tatsächlich wissenschaftlich untersuchen, ob Kontrollen um zwei Uhr andere Ergebnisse liefern als beispielsweise um fünf Uhr morgens, müsse eine solche Studie nach Ansicht des Experten veröffentlicht werden.

Den Anti-Doping-Kampf stellt Sörgel grundsätzlich nicht infrage. Er erinnert daran, dass schon Blutkontrollen oder die heute üblichen Sichtkontrollen bei Urinproben massive Eingriffe in die Privatsphäre der Athleten darstellen. „Damals konnte man das vertreten, weil Doping nahezu pandemische Ausmaße angenommen hatte“, sagt er.

Sörgel fordert wissenschaftliche Aufarbeitung

Für die nächste Eskalationsstufe – nächtliche Kontrollen – müsse derselbe Maßstab gelten. „Wenn man solche Maßnahmen ohne belastbare wissenschaftliche Belege einführt, könnte das am Ende sogar den Enhanced Games Vorschub leisten. Dann wäre genau das Gegenteil von dem erreicht, was der saubere Sport eigentlich will.“

Für die beiden schweren Stürze von Vingegaard und Lipowitz sieht Sörgel dennoch keinen Beleg. Sein Fazit fällt deshalb differenziert aus: „Man kann auf Grundlage der Forschung Hypothesen formulieren“, sagt er. „Aber behaupten, dass die Stürze durch die nächtlichen Kontrollen verursacht wurden, kann man wissenschaftlich nicht.“