Als Johannes Liebmann sich mit einem Paukenschlag in der Weltspitze anmeldete, schaute Lukas Märtens staunend zu – aus der Ferne. „Ich habe es im Livestream gesehen und ihm direkt eine Sprachnachricht geschickt“, erzählt der Olympiasieger, „da schwimmt er Europarekord mit einer Souveränität – unfassbar.“
Ein deutscher Senkrechtstarter sorgt für Staunen
Ein neuer deutscher Shootingstar
Seit jenem 12. April, als er in Stockholm seine Bestzeit über 800 m Freistil um knapp 13 (!) Sekunden auf 7:37,94 Minuten verbesserte, ist Liebmann die neue deutsche Schwimm-Hoffnung – und bei der EM in Paris ein Goldkandidat.
„Natürlich möchte ich die Chance auf einen Medaillenplatz nutzen, wenn sie sich bietet“, sagt der 19-Jährige, der gerade sein Abitur gemacht hat, im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID), „mit den Zeiten, die ich jetzt hatte, kann es schon sehr gut werden.“
Liebmann will sich auf zwei Strecken konzentrieren
Liebmann geht im Centre Aquatique Olympique am Stade de France nicht nur über 800 m als Favorit ins Rennen, sondern auch über 1500 m als Weltjahresbester. Dem Senkrechtstarter aus der eigenen Trainingsgruppe geht in Paris sogar Märtens aus dem Weg.
Der Magdeburger will sich ganz auf die 200 m und seine Paradestrecke 400 m konzentrieren, auf der er aktuell Olympiasieger, Weltmeister und Inhaber des Weltrekords ist – den er übrigens ein Jahr vor Liebmanns Coup im selben Becken in Stockholm schwamm.
„Wir sind über 800 und 1500 m super aufgestellt“, sagt Märtens, da brauche es ihn nicht. Denn die Favoriten kommen ohnehin aus Deutschland: der doppelte Vizeweltmeister Sven Schwarz, der Freiwasser-Olympiazweite Oliver Klemet – und eben Liebmann.
Dessen Rekordrennen sah er durchaus mit gemischten Gefühlen: „Es ist eine meiner Strecken, aber ich kann ja nicht sagen: Scheiße, das gönne ich ihm nicht. Natürlich wäre es schön, wenn der Rekord irgendwann mal in meine Hände kommt.“
Starke Trainingspartner sorgen für rasante Entwicklung
Liebmann selbst, der gerade erst in Englisch, Biologie, Sport, Geschichte und Mathematik seine Abiturprüfungen bestand, geht seinen ersten großen Wettkampf erstaunlich gelassen an. „Ich bin gespannt, was passieren wird, mal gucken.“
Vor seinen Beckenrennen geht er in der kommenden Woche schon im Knockout-Sprint im Freiwasser in der Seine an den Start – als frischgebackener Junioren-Vizeeuropameister.
Ganz aus dem Nichts kommt der neue deutsche Hoffnungsträger nicht. Bei den Junioren sammelte der gebürtige Schleswig-Holsteiner bereits fleißig EM-Medaillen, bei der Kurzbahn-EM im Dezember in Polen verpasste er mit Juniorenweltrekorden über 400 m und 800 m Freistil jeweils als Vierter nur knapp Bronze.
Dass er seit 2023 in Magdeburg bei Bundestrainer Bernd Berkhahn mit Märtens, Klemet und Tokio-Olympiasieger Florian Wellbrock trainiert, hat seine Entwicklung beschleunigt.
Schwimmen wird plötzlich zur beruflichen Perspektive
„Sie sind alle meine Vorbilder“, sagt er über seine Trainingskollegen: „Ich kopiere nichts, aber ich lerne gerne dazu.“ Von Wellbrock „Erfahrung“ und „Technik“, von Klemet „Fokus und Ehrgeiz“ und von Märtens „Geschwindigkeit und Mut im Wettkampf“.
Und plötzlich ist Schwimmen zur beruflichen Perspektive geworden. „Als kleines Kind wünscht man sich natürlich immer, irgendwas Cooles mit Sport zu machen, Fußballprofi zu sein oder so“, erzählt er: „Aber ich habe es nie für möglich gehalten.“
Jetzt ist er Sportsoldat bei der Bundeswehr – mit dem Plan, „erstmal bis Los Angeles 2028 zu trainieren und mir danach einen Studienplatz zu suchen“.