Maya Tobehn galt einst als eines der größten Versprechen des deutschen Schwimmsports, doch nach der verpassten Qualifikation für Olympia 2021 und einem folgenden Burnout zog sich das hoffnungsfrohe Juwel für drei Jahre komplett aus dem Leistungsbereich zurück.
Schwimmerin Maya Tobehn: "Atemberaubend und überwältigend"
„Atemberaubend und überwältigend“
Bei den Europameisterschaften in Paris feierte die 24-Jährige nun ein eindrucksvolles Comeback auf internationaler Bühne: Mit der Silbermedaille in der Mixed-Staffel über 4×200 Meter Freistil sicherte sie sich ihren bislang größten Erfolg im Elitebereich.
Wie stark die Form der Dresdnerin nach der langen Pause bereits wieder ist, bewies auch der vierte Platz mit der Frauen-Freistil-Staffel, die im Finale trotz des knapp verpassten Podiums einen neuen deutschen Rekord aufstellte.
„Die EM selbst ist großartig gewesen“
Im exklusiven SPORT1-Interview blickt Tobehn auf die emotionalen Tage bei der EM zurück. Die Schwimmerin erzählt, wie sie mit dem bitteren vierten Platz in der Frauenstaffel umging, was ihr beim Comeback geholfen hat und warum sie für ihre sportliche Zukunft noch reichlich Luft nach oben sieht.
SPORT1: Frau Tobehn, Sie sind zurück auf der großen Bühne. Was hat die EM für Sie bedeutet?
Maya Tobehn: Ganz viel natürlich. Ich bin ehrlich, wir hatten Anfang der Saison gar nicht damit geplant und auch nicht damit gerechnet. Als dann die Qualifikationszeit rauskam, war uns klar, dass weniger die Zeit das Problem wird, sondern eher die Frage: Wer sind die vier schnellsten Mädels in Deutschland? Das Feld ist unglaublich stark geworden, was international natürlich gut ist. Die EM selbst ist großartig gewesen. Ich durfte viele Erfahrungen sammeln nach der Pause, die ich hoffentlich mit in die Zukunft nehmen kann. Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Trainer Martin Dautz und mich, dass wir das doch wieder geschafft haben.
SPORT1: Die EM wollten Sie genießen – ohne den großen Leistungsdruck. Ist Ihnen das gelungen?
Tobehn: Ich bin ohne große Erwartungen rangegangen. Als die Staffel (4×200-Meter Freistil der Frauen; Anm. d. Red.) am Montag ganz ganz knapp Vierte wurde, war das natürlich erstmal ein herber Schlag. Vor allem, weil ich gehofft habe, meine 1 Minute 57 zu bestätigen, womit wir eine Medaille gewonnen hätten. Deswegen habe ich das auf meine Kappe genommen. Es war schwierig, da wieder herauszukommen und nicht so tief im Loch zu bleiben. Aber als Schlussschwimmerin (4×200-Meter Freistil Mixed; Anm. d. Red.) hat es wirklich super funktioniert, als ich gemerkt habe, die Britin haut mir gar nicht so sehr ab. Das war atemberaubend und überwältigend. Das wird auch noch ein bisschen länger dauern, bis ich das verarbeitet habe. Das freut mich wirklich riesig.
„Nicht drauf lange sitzen bleiben“
SPORT1: Sie haben sich nach den verpassten Olympischen Spielen 2021 für mehrere Jahre aus dem Leistungssport zurückgezogen. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt, das Ihnen auch geholfen hat, nach dem vierten Platz bei dieser EM wieder anzugreifen?
Tobehn: Nicht lange darauf sitzen bleiben. Ich habe meine engsten Leute um mich, die mich da auch unterstützen und sagen, wir werden daran wachsen und lernen. Und mich nicht von zu vielen Leuten belagern zu lassen. Es schreiben dann super viele Leute ‚Es tut mir so leid und das ist so schade‘. Ja, es ist schade, aber wenn dir 50 Leute schreiben, ist das einfach super viel. Darauf will ich dann nicht zu groß eingehen, meine Routine weitermachen und nach vorne schauen.
SPORT1: Sie waren in der Jugend eines der absoluten Top-Talente, das baut natürlich Druck auf. Nach der verpassten Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio haben Sie eine mehrjährige Pause eingelegt. Welchen Blick haben Sie heute im Vergleich zu damals auf den Leistungssport?
Tobehn: Leistungssport findet ganz viel im Kopf statt. Man unterschätzt total schnell, was mentaler Leistungssport bedeutet. Ich glaube, mental bin ich unfassbar stark gewachsen im Vergleich zu damals. Ich habe die Leute um mich herum, die mich unterstützen, bei denen ich auch um Hilfe bitten kann und die immer für mich da sind. Ich glaube, ich bin mental erwachsener geworden, und kann da noch einiges erreichen.
„Das Ding kann auch richtig in die Hose gehen“
SPORT1: Wie war das damals, als Sie den Entschluss gefasst haben, in den Schwimmsport zurückzukehren? War Ihnen damals schon klar, dass Sie bei einem internationalen Wettkampf noch einmal angreifen können?
Tobehn: Überhaupt nicht. Klar, man hat immer Wunschgedanken, aber so ehrlich musste ich dann auch mit mir sein. Ich saß da und habe mir gedacht: Das Ding kann auch richtig in die Hose gehen, aber dann habe ich es zumindest probiert und kann mir nicht vorwerfen, ich hätte es nicht getan. Klar spielt man mit dem Gedanken, was passiert, wenn es funktioniert. Zu was reicht es? Reicht es erst mal nur für die Deutsche Meisterschaft? Ich habe täglich geschaut, was bringt der neue Tag, wie geht die Einheit und wie entwickelt sich Körper und Geist. Das war Stück für Stück das harte Arbeiten.
SPORT1: Was würden Sie jungen Talenten mit auf den Weg geben, damit es ihnen nicht ähnlich ergeht und sie sich ausgebrannt fühlen?
Tobehn: Nach Hilfe fragen. Das habe ich damals leider nicht beherzigt. Mir wurde Hilfe angeboten, aber ich habe sie abgeschlagen. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil ich so verunsichert war und nicht wusste, was ich machen sollte. Es ist nicht schlimm, nach Hilfe zu fragen, egal in welche Richtung es geht. Ob es schulisch ist, sportlich oder auch privat, weil einfach zu viel los ist. Es ist ganz wichtig, da wirklich nach Hilfe zu fragen. Man hat so seine Leute, aber es ist auch nicht schlimm, zu neuen Leuten zu gehen und dort eventuell mal sein Herz auszuschütten und nach Hilfe und Rat zu fragen. Das ist so mein persönliches Anliegen an alle anderen.
„Da ist dann wirklich Alarmstufe Rot“
SPORT1: Was sind erste Anzeichen oder Symptome, bei denen man hellhörig werden sollte?
Tobehn: Das ist ganz schwer zu beschreiben. Bei mir persönlich – ich kann ja nur für mich sprechen, bei anderen ist es vielleicht anders – war es ein langsames Zurückziehen. Das war mehr oder weniger ein stilles Schweigen von meiner Seite aus, dass ich mich da wirklich komplett zurückgezogen habe, selbst aus familiären Kreisen. Da ist dann wirklich Alarmstufe Rot, wenn man sich aus der eigenen Familie zurückzieht. Das ist dann so der letzte Punkt, da müsste wirklich eingegriffen werden.
SPORT1: Noch eine Frage in Richtung Zukunft: Sind Sie nach dem Medaillengewinn weiter hungrig oder erst einmal zufrieden?
Tobehn: Ich bin super zufrieden, gar keine Frage. Vor allem nach der großen Pause. Besser hätte es in erster Linie nicht laufen können. Ich habe schon wieder wahnsinnig Lust aufs Training, weil ich weiß, ich habe hier und da noch unfassbar große Reserven. Wir haben Trainingsmittel, die wir noch gar nicht angekratzt haben. Heißt, ich habe noch viele Körner rumliegen, die ich noch ranholen kann. Ich freue mich wahnsinnig auf die neue Saison und wir gucken, was dabei rumkommt.