Mit dem Gewinn bei den French Open hat Alexander Zverev endlich den Bann gebrochen und seinen ersten Grand Slam gewonnen. Sein einstiger Weggefährte Philipp Kohlschreiber feiert den 29-Jährigen im SPORT1-Interview.
"Ohne ihn würden wir viel kritischer über das deutsche Tennis reden"
„Müssen uns bei Sascha bedanken“
Kohlschreiber, der bis 2022 selbst auf der Tour gespielt hat, blickt auf die Entwicklung, die Zverev genommen hat, die Schlüssel zur Erlösung und die Bedeutung des Triumphs für Tennis-Deutschland.
Kohlschreiber erklärt: Diese Entwicklung hat Zverev den Titel beschert
SPORT1: Alexander Zverev hat endlich seinen ersten Grand Slam gewonnen. Wie bewerten Sie seine Leistung?
Philipp Kohlschreiber: Ich würde die Leistung als unglaublich einschätzen, weil er einfach mit dem Druck so unglaublich gut umgegangen ist. Schon von Beginn des Turniers war der Druck sehr hoch, weil Sinner sich sehr früh verabschiedet hat. Wie er das gehandelt hat, auch die Lockerheit, den Spaß, den er vermittelt hat in den Pressekonferenzen, und auch die Klarheit zu sagen: „Ok, ich schaue, was ich bewerkstelligen kann. Ich konzentriere mich auf mich. Alles andere interessiert mich nicht.“ Das war beeindruckend. Zudem hat er auch spielerisch in diesem Jahr eine enorme Entwicklung genommen. Die hat man jetzt auch bei den French Open gesehen. Diese Entwicklung nach vorne, die er gemacht hat. Den Mut in sein Spiel zu finden. Egal ob es jetzt mal Serve-and-Volley war oder auch mal Stopps einzusetzen. Er hat einfach mehr Mut in sein Spiel gebracht. Und das hat ihm letztendlich auch den Grand-Slam-Titel beschert.
SPORT1: Speziell nach dem verlorenen Tiebreak im vierten Satz sah es so, als ob sich sein Trauma wiederholen könnte. Was war in diesem Finale anders?
Kohlschreiber: Ihm hat natürlich die Erfahrung geholfen. Ich finde, dass er einfach bei sich geblieben ist. Ihm haben ganz sicher auch die Erfahrungen aus den verlorenen Endspielen geholfen. Daraus zu ziehen, was er jetzt vielleicht anders machen muss. Er ist mutig drangeblieben. Er hat nicht zurückgesteckt. Natürlich hat er auch mal, wie jeder Tennisspieler, Fehlentscheidungen getroffen. Aber er ist mutig drangeblieben. Das hat man auch im fünften Satz gesehen, dass er da gleich weitergemacht hat mit einer Mischung aus unglaublichem Ehrgeiz und einem unbändigen Willen es zu schaffen. Dabei hat er auch den Mut nicht verloren. Er hat es ja selbst angesprochen, dass er auch Ende des vierten Satzes ein paar körperliche Problemchen gespürt hat und leichte Krämpfe hatte. Das hat ihn aber auch noch mal beflügelt, weiter drauf zu gehen und sogar noch mutiger zu werden. Da war einfach auch so ein bisschen das Schicksal auf seiner Seite. Jetzt ist er ein absolut verdienter Grand-Slam-Champion.
Kohlschreiber über Zverev: „Ich bekomme da auch jetzt noch ein bisschen Gänsehaut“
SPORT1: Wie sehr freut es Sie, dass er seine Karriere krönen konnte?
Kohlschreiber: Ich freue mich riesig. Einerseits ist er natürlich für das deutsche Tennis das Aushängeschild schlechthin. Er performt jede Woche gut bei den großen Turnieren. Ohne ihn würden wir viel kritischer über das deutsche Tennis reden, weil es wenige Highlights gibt. Er trägt das deutsche Tennis nach draußen, auch diese Tugenden, immer hart an sich zu arbeiten, immer an sich zu glauben. Es freut mich aber auch mit Blick auf ihn, seine Familie und sein Team. Man weiß, wie hart die arbeiten, wahrscheinlich mit am härtesten auf der Tour. Jetzt haben sie dieses so große Ziel geschafft. Das hat man auch an den Emotionen gestern gesehen, was dieser Erfolg bedeutet. Papa Zverev habe ich noch nicht so oft emotional gesehen, aber ich würde mal deuten: Er hat auch feuchte Augen gehabt.
SPORT1: Für Zverev selbst dürfte es auch eine Erleichterung gewesen sein.
Kohlschreiber: Bei Sascha hat man gesehen, was ihm das bedeutet, so eine Trophäe jetzt mal nach oben zu strecken und nicht mehr den Ruf zu haben: Ich bin der beste Spieler ohne Grand Slam. Jetzt hat er es geschafft. Ich bekomme da auch jetzt noch ein bisschen Gänsehaut, wenn ich darüber spreche, weil es mich für den Menschen einfach so sehr freut. Er hat seinen Traum verwirklicht. Das finde ich immer wieder toll und beeindruckend.
Zverev-Weggefährte wünscht sich Hype wie bei Boris Becker
SPORT1: Sie haben das deutsche Tennis eben schon kurz angesprochen. Was bedeutet dieser Erfolg denn konkret für den Tennissport in Deutschland?
Kohlschreiber: Das muss man jetzt ein bisschen sacken lassen. Es war natürlich 30 Jahre her, dass ein männlicher Tennisspieler in der Open-Ära einen Grand-Slam-Titel geholt hat mit Boris Becker. Bei den Frauen hatten wir mit Angelique Kerber natürlich eine Grand-Slam-Championess. So ein Triumph bringt einfach die Sichtbarkeit, das braucht Tennis. Wir brauchen einfach, dass viele junge Menschen diesen Sport auch geil finden. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder so einen Hype bekommen, wie damals bei Boris Becker, aber das wird sich alles erst zeigen. Trotzdem ist jede positive Nachricht natürlich gut. Gestern haben mit Eurosport, Nitro und RTL drei Sender, Tennis übertragen. Da haben dann auch mehrere Millionen Menschen zugeschaut, wenn man das alles zusammennimmt. Also das ist schon sehr, sehr ordentlich und das brauchen wir einfach mehr. Da müssen wir uns bei Sascha bedanken, dass er uns sowas beschert.
SPORT1: Zurück zu Zverev persönlich. Wie wertvoll kann diese Erlösung jetzt auch für seine Zukunft sein? Er kann in Zukunft jetzt viel lockerer in die Turniere gehen.
Kohlschreiber: Also der immense Druck ist erstmal abgefallen. Der war ja in der Vergangenheit oft wirklich sein härtester Gegner. Man darf es jetzt nicht unterschätzen, dass das jetzt vielleicht was sehr Positives in ihm auslöst. Er wird jetzt immer den Glauben haben, es schaffen zu können. Auf der anderen Seite muss man aber auch so ein bisschen ehrlich sein: Er hat im Turnier gegen keinen Alcaraz und keinen Sinner gespielt. Gegen Sinner hat er jetzt schon ein paar Niederlagen kassiert in diesem Jahr. Deswegen muss man jetzt einfach sehen, wie es weiter geht. Aber: Sascha bringt einfach konstant seine Leistung. Er kann auch nichts dafür, dass jetzt eben kein Sinner im Finale stand. Er hat seine Chance genutzt und genau darum geht es einfach im Tennis. Sascha hat sein Ding gemacht, hat sich auf sich konzentriert und hat das Turnier höchst souverän gewonnen. Er ist einfach auch durchmarschiert bis zum Finale. Dass in einem Endspiel dann auch mal ein paar Emotionen mit im Spiel sind und man vielleicht nicht nur durchgehend sein bestes Spiel abrufen kann, ist auch normal. Man muss aber auch seinem Gegner ein großes Kompliment aussprechen. Der hat sich unglaublich reingefightet mit Emotionen und dem Publikum im Rücken. Dagegen anzukommen war stark. Das hat Sascha einfach extrem toll gemeistert.
„Er hat einen Grand Slam gewonnen – ich hoffe, dass noch viele dazukommen werden“
SPORT1: Sie haben Sinner und Alcaraz schon angesprochen. Kann Zverev sogar Teil einer neuen Big 3 werden oder stehen die beiden noch einen ticken über ihm?
Kohlschreiber: Da möchte ich jetzt nicht typisch deutsch sein. Nach solchen Erfolgen heißt es immer: Wie ist der Ausblick? Ich finde, man sollte das jetzt alles wirklich genießen. Das ist vielleicht auch so ein Faktor im Tennis, das geht viel zu schnell verloren, dieses Genießen, weil gleich das nächste Highlight wieder ansteht. Es kommt jetzt Wimbledon. Auf Rasen hat er zum Beispiel jetzt noch nie so gut gespielt, dass er da echt um den Titel mitspielen kann, weil ihm einfach der Untergrund nicht ganz so liegt. Ich bin ein Freund davon, dass wir als Tennis-Deutschland das jetzt genießen und ihn da auch in Ruhe lassen und jetzt nicht die Erwartungen gleich hochschrauben. Er hat jetzt einen Grand Slam gewonnen. Ich hoffe, dass noch viele dazukommen werden, aber es gibt halt auch eine sehr harte Konkurrenz. Es wird sich dann zeigen, ob er in diesen Kreis rund um Alcaraz und Sinner vordringen kann. Jetzt soll er diesen Traum genießen. Das ist einfach viel wichtiger.
SPORT1: Aber prinzipiell trauen Sie ihm jetzt noch mehre Grand-Slam-Titel zu?
Kohlschreiber: Das traue ich ihm absolut zu. Vielleicht jetzt nicht in Wimbledon, um ehrlich zu sein. Aber man weiß auch nie, was so eine Euphorie und vielleicht das aggressivere Spiel da auch bewirken. Auf Rasen geht es eben viel darum, diese positive Balance zu finden und einfach drauf zu gehen. Aber auf jeden Fall bei den U.S. Open wird er wieder ein ganz, ganz wichtiger Faktor sein und zu den Top-Favoriten gehören.