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Einst dominant – jetzt nur noch ratlos

Einst dominant – jetzt ratlos

Iga Swiatek erobert die Tennis-Welt in jungen Jahren im Sturm. Doch eine bittere Niederlage und eine schockierende Nachricht bringen sie aus dem Gleichgewicht. Um ihren Fall zu stoppen, könnte sie sich an jemanden wenden, der einst ihrem großen Idol half.
Tennis-Star Iga Swiatek macht eine schwierige Phase durch
Tennis-Star Iga Swiatek macht eine schwierige Phase durch
© IMAGO/NurPhoto
Iga Swiatek erobert die Tennis-Welt in jungen Jahren im Sturm. Doch eine bittere Niederlage und eine schockierende Nachricht bringen sie aus dem Gleichgewicht. Um ihren Fall zu stoppen, könnte sie sich an jemanden wenden, der einst ihrem großen Idol half.

Iga Swiatek gehört trotz ihres immer noch jungen Alters längst zu den prägenden Tennisspielerinnen ihrer Generation. Der Aufstieg in die Weltspitze war unter anderem das Ergebnis einer außergewöhnlichen Mischung aus mentaler Stärke, ihrer oft gefürchteten Vorhand und einem ausgeprägten Hang zum Perfektionismus. Eine Kombination, mit der sie selbst ihre größten Rivalinnen dominierte und fast eine eigene Liga für sich war.

Doch davon ist aktuell nichts mehr zu sehen. Die 24-Jährige steckt in der schwierigsten Phase seit Beginn ihrer Profikarriere. Von mentaler Stärke ist wenig zu sehen, ganz im Gegenteil. Oft reichen schon Kleinigkeiten aus, damit sie völlig den Faden verliert. Ihre Konstanz, die sie einst so auszeichnete, ist ebenfalls weg. Dies unterstrich ihr jüngstes Aus in Miami, als sie nach zuvor 73 Siegen erstmals wieder das Auftaktmatch eines Turniers verlor.

Die anschließende Entlassung ihres Trainers Wim Fissette, ungewohnte Fehler in ihrem Spiel sowie große Verunsicherung zeichnen ein Bild, das bislang kaum mit der Karriere der Polin in Verbindung zu bringen war – nur wie konnte es so weit kommen, dass eine einst dominante Spielerin plötzlich so leicht aus der Bahn zu werfen ist und im WTA Race (fließen nur Punkte aus 2026 ein, Anm. d. Red.) nicht einmal unter den Top 10 zu finden ist.

Iga Swiatek dominiert die Tennis-Weltelite

Vor Jahren wäre eine Misere dieser Art noch kaum vorstellbar gewesen.

Vor allem 2022 zeigte sie, dass ihr Potenzial riesengroß ist. 37 Matches in Folge gewann die zu der Zeit erst 21-jährige Polin und stellte damit die längste Serie auf der WTA-Tour im 21. Jahrhundert auf. In diesem Zeitraum sicherte sie sich sechs Titel nacheinander – in Doha, Indian Wells, Miami, Stuttgart, Rom und bei den French Open.

Zu jener Zeit übernahm sie auch die Nummer 1 der WTA-Rangliste und blieb dies für 75 Wochen am Stück, insgesamt kommt sie inzwischen sogar auf 125 Wochen. Swiatek war bekannt und von vielen Gegnerinnen gefürchtet dafür, dass sie viele Sätze mit 6:1 oder gar 6:0 für sich entschied. Auf Sand war ihre Dominanz besonders eklatant und die Polin galt dort als nahezu unschlagbar.

Swiatek wuchs so in jungen Jahren zu einer bereits beeindruckenden Größe im Tennissport heran – doch wie so oft im Profisport findet eine solche Dominanz früher oder später ein unerwartetes Ende.

2024: Ein Jahr, das für Swiatek vieles veränderte

Den Anfang dafür markierten wohl die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Auf der Anlage von Roland Garros, auf der sie zuvor so erfolgreich und über 1.100 Tage ohne Niederlage geblieben war, ging sie als haushohe Favoritin ins Turnier. Alle erwarteten Gold von ihr, auch sie selbst hatte die klare Erwartung, die Goldmedaille für Polen zu gewinnen.

Die dann überraschende Niederlage im Halbfinale gegen Qinwen Zheng traf sie deshalb nicht nur sportlich, sondern erschütterte auch ihr Selbstvertrauen. Die anschließende Reaktion, inklusive einer unter Tränen abgebrochenen Pressekonferenz, verdeutlichte, wie hoch ihr eigener Anspruch ist. Die Bronzemedaille konnte diesen nicht erfüllen.

Im Oktober 2024 folgte dann ein überraschender strategischer Schritt: die Trennung von ihrem langjährigen Trainer Tomasz Wiktorowski, mit dem sie insgesamt fünf Grand-Slam-Siege gefeiert und ihre bislang erfolgreichsten Karrierejahre durchlebt hatte. Ziel dieser Veränderung war es, mit Nachfolger Wim Fissette ihr Spiel variabler aufzuziehen, da sie sich insbesondere auf Rasen, aber zu dem Zeitpunkt auch auf Hartplatz, häufiger schwertat.

Dies klappte nur schleppend, auch wenn ein großer Erfolg in der gemeinsamen Zeit alle Misserfolge überstrahlte. Dank ein paar Anpassungen in ihrem Spiel – die Swiatek auf Rasen bereitwillig annahm, da sie dort bisher eh noch keinen Erfolg erzielt hatte – erzielte sie dort große Fortschritte. Mit einer neuentdeckten Leichtigkeit auf diesem Belag erfüllte sie sich 2025 ihren großen Traum und gewann überraschend ihren ersten Wimbledon-Titel.

Also genau an jenem Ort, an dem nicht nur Außenstehende, sondern auch sie selbst die wenigsten Erwartungen an sich hatte. Auf anderen Belägen klappten Änderungen weniger gut.

Swiateks perfektionistische Herangehensweise erschwerte es, Rückschläge durch die Veränderungen zu akzeptieren und auch ungewohnte Niederlagen hinzunehmen. Als es nach Wimbledon besser lief, gab sie selbst auch zu, dass es ihr nicht immer leicht fiel, die Vorschläge von Fissette in Partien zu einhundert Prozent anzunehmen und umzusetzen.

Positiver Dopingtest nimmt Swiatek sehr mit

Fissette hatte Swiatek zudem in einer enorm schweren Zeit übernommen, denn im Herbst 2024 hatte die Polin erfahren, dass ein Dopingtest vom 12. August positiv ausgefallen war. In Swiateks Blut war Trimetazidin in einer sehr geringen Menge nachgewiesen worden.

Die öffentliche Bekanntgabe erfolgte im November 2024 – zusammen mit einer Erklärung von Swiatek, dass dies durch verunreinigte Melatonin-Präparate verursacht worden sei, die sie aufgrund von Schlafproblemen eingenommen hatte. Zu diesem Schluss kam auch die International Tennis Integrity Agency (ITIA), die den Fall nach umfangreichen Untersuchungen als minder schwer einstufte.

„Ich wusste noch nicht einmal, dass es das gibt. Weder ich noch die Menschen um mich herum sind jemals zuvor mit Trimetazidin in Kontakt gekommen“, stellte Swiatek klar. Obwohl die Sperre mit einem Monat vergleichsweise milde ausgefallen war, hatte der Vorfall erhebliche Auswirkungen auf ihre psychische Verfassung. Es sei „die schlimmste Erfahrung meines Lebens“ gewesen, erklärte Swiatek später.

Ihr neuer Coach Fissette wusste vor seiner Zusage aber bereits davon und verteidigte Swiatek später auch öffentlich, was diese ihm hoch anrechnete. Leichter machte dies die Arbeit aber wohl dennoch nicht, da auch dieser Vorfall bei Swiatek erstmal Spuren auf mentaler Ebene hinterließ, schließlich musste sie dazu noch längere Zeit Auskunft geben.

„Mein Spiel war nicht gut genug, um Erwartungen zu haben“

Die Summe dieser Faktoren spiegelte sich dann auch in ihren Leistungen wider. Nach einem für ihre Verhältnisse durchwachsenen Tennisjahr 2025 mit dem positiven Höhepunkt Wimbledon begann auch die aktuelle Saison enttäuschend für die Weltranglisten-Dritte.

Nach ihrer überraschenden Niederlage in Miami gegen ihre Landsfrau Magda Linette ließ sie tief blicken: „Ich habe das Gefühl, dass ich auf dem Platz viele Erwartungen mit mir herumtrage, und ich muss sie loswerden, weil mein Spiel nicht gut genug war, um überhaupt Erwartungen zu haben.“

Die 24-Jährige, die lange als nahezu unerschütterlich galt, gab ungewohnt offene Einblicke in ihre Gedankenwelt: „Tennis fühlt sich bei mir im Kopf ziemlich kompliziert an. Ich weiß, dass es eigentlich einfach sein sollte.“ Doch auch wenn sie im Moment „ein wenig verwirrt“ sei, werde „sie einfach hart arbeiten, um es zurückzubekommen. Ich weiß, dass es in mir steckt, ich habe es nur für einen Moment verloren.“

Tennistar Swiatek noch lange nicht am Ende

Verloren hat sie offenbar auch das Vertrauen in ihre Zusammenarbeit mit ihrem Coach Fissette. Sie habe „entschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen. Es war eine intensive Zeit voller Herausforderungen und vieler wichtiger Erfahrungen. Ich bin dankbar für seine Unterstützung, seine Erfahrung und alles, was wir gemeinsam erreicht haben“, schrieb Swiatek in einem Instagram-Beitrag, in dem sie die Trennung von dem Belgier verkündete.

Kurzzeitig soll die sechsmalige Grand-Slam-Siegerin laut polnischen Medien sogar auf Mallorca in der „Rafa Nadal Akademie“ trainiert haben, auch wenn inzwischen wieder Bilder auftauchen, die sie beim Training in einer Halle in Polen zeigen. Womöglich half ihr aber auch die kurze Zeit auf Mallorca, immerhin hat der Ort für sie aufgrund ihrer Verbindung zu Rafael Nadal, ihrem großen Idol, eine besondere Bedeutung.

In diesem Zusammenhang wurde sie zuletzt auch mit Francisco Roig in Verbindung gebracht, der die offene Trainerposition womöglich übernehmen könnte. Dieser war 17 Jahre lang im Team von Nadal und kennt daher die Schwierigkeiten und auch Unsicherheiten, mit denen sich auch ein Topstar herumschlägt. Schließlich war auch der 22-malige Grand-Slam-Sieger bekannt dafür, trotz seines großen Erfolgs nicht frei von Zweifeln zu sein.

Spätestens Mitte April wird das Rätsel wohl gelüftet werden, denn Swiateks neuer Trainer soll bereits beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart, der am 13. April beginnt, an ihrer Seite sein. Nur eines ist jetzt schon klar – Swiatek wird nicht ruhen, bis sie ihre alte Stärke wiedergefunden hat.