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Die personifizierte Goldgrube

Die personifizierte Goldgrube

Für die Profimannschaft von Bayer Leverkusen kam Kerim Alajbegovic nie zum Einsatz, dennoch streicht die Werkself jetzt eine hohe Millionensumme für den 18-Jährigen ein. Damit trägt ein im Hintergrund gestartetes Projekt erstmals so richtig Früchte.
Kerim Alajbegovic schießt Bosnien gegen Katar in Führung und ebnet den Weg zum 3:1-Sieg. Damit dürfen die Bosnier weiter auf die KO-Phase hoffen.
Für die Profimannschaft von Bayer Leverkusen kam Kerim Alajbegovic nie zum Einsatz, dennoch streicht die Werkself jetzt eine hohe Millionensumme für den 18-Jährigen ein. Damit trägt ein im Hintergrund gestartetes Projekt erstmals so richtig Früchte.

Ein Spiel. Mehr nicht. Nur einmal trug Kerim Alajbegovic das Trikot seines Ausbildungsklubs auf dem Rasen der BayArena. Doch die Erinnerung daran dürfte bis heute geblieben sein. „Das war grandios, so viele Zuschauer, ein absolutes Highlight“, sagte er vergangenes Jahr über das Endspiel der A-Junioren-Bundesliga 2025 zwischen Bayer Leverkusen und dem 1. FC Köln vor rund 22.000 Fans.

Was Alajbegovic damals wohl noch nicht ahnte: Dieser Tag sollte sich im Rückblick als Auftakt einer bemerkenswerten Entwicklung erweisen.

Denn gut ein Jahr später ist der 18-Jährige der Protagonist eines Coups, den die Bundesliga in dieser Form noch nicht erlebt hat. Alajbegovic wechselt zu Juventus Turin, die Werkself kassiert für ihr Eigengewächs eine fixe Ablöse von mehr als 30 Millionen Euro. Mittels Bonuszahlungen könnte das Gesamtpaket sogar auf 35 bis 40 Millionen Euro anwachsen.

Das Außergewöhnliche daran? Der Bosnier hat für die Leverkusener Profis nicht eine einzige Pflichtspielminute absolviert.

Mit der Ablösesumme für einen U19-Spieler bewegt sich Bayer in den Sphären des FC Bayern, der 2016 rund 35 Millionen Euro für Renato Sanches an Benfica überwies. Aus Sicht der Rheinländer steckt darin eine besondere Pointe. Oder ein besonderes Wagnis, je nach Blickwinkel.

Immerhin verlässt kein Stammspieler den Verein, kein Leistungsträger. Sie verlieren ein Versprechen. Eine Hoffnung. Vielleicht einen künftigen Star. Und dennoch erscheint die Entscheidung schlüssig.

Alajbegovic meisterte den Durchbruch im Eiltempo

In Leverkusen galt Alajbegovic längst als eines der spannendsten Talente seines Jahrgangs. Schon unter Meistercoach Xabi Alonso schnupperte er regelmäßig bei den Profis hinein, wurde immer wieder in den Trainings- und Spieltagskader berufen.

Für einen Einsatz reichte es allerdings nie. Die Verantwortlichen kamen deshalb zu dem Schluss, dass der nächste Entwicklungsschritt anderswo erfolgen müsse. Im vergangenen Sommer gab Bayer seinen Jugendspieler für rund zwei Millionen Euro an RB Salzburg ab.

Dort folgte der Durchbruch. Und zwar im Eiltempo. Alajbegovic avancierte innerhalb weniger Monate zum Schlüsselspieler seines neuen Teams, sammelte in Österreich neben Spielminuten auch Scorerpunkte am laufenden Band, erzielte 13 Tore und bereitete vier weitere Treffer vor. Die Belohnung: die Auszeichnung zum Newcomer des Jahres.

„Kerim hat die in ihn gesetzten hohen Erwartungen in Salzburg nicht nur erfüllt, er hat sie in kürzester Zeit übertroffen“, sagte Sportchef Simon Rolfes im März und aktivierte wenig später eine im Vertrag verankerte Rückholklausel.

Allerdings deutete sich schon damals an, dass die Rückkehr nach Leverkusen womöglich nur von kurzer Dauer sein könnte. Immer wieder bekundeten Klubs, vor allem aus der Serie A, ihr Interesse. Immer wieder kokettierte auch Vater Semin Alajbegovic öffentlich mit einem schnellen nächsten Karriereschritt.

Die Unruhe blieb, ebenso die Spekulationen. Im Winter gingen die ersten konkreten Angebote im Rheinland ein. Bis zum Sommer nahm die Dynamik weiter Fahrt auf – bis Bayer letztlich zu dem Entschluss kam, dass ein Verkauf die sinnvollste Lösung sei.

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Alajbegovic wurde zum Albtraum Italiens

Dass der 18-Jährige in den vergangenen Monaten bei zahlreichen Topklubs ganz oben auf den Wunschlisten auftauchte, lag nicht allein an seinen starken Leistungen in Salzburg. Auch im Trikot der bosnischen Nationalmannschaft hinterließ Alajbegovic früh Eindruck.

Im September vergangenen Jahres machte ihn Nationaltrainer Sergej Barbarez zum jüngsten Debütanten der Verbandsgeschichte. Wenig später folgte das erste Länderspieltor. Und kurz darauf ein Auftritt, der selbst international für Aufmerksamkeit sorgte. Ausgerechnet gegen Italien. Das Land seines neuen Arbeitgebers.

Alajbegovic bewies dabei vor allem eines: Nervenstärke. Im Halbfinale der WM-Playoffs gegen Wales bereitete er in der 86. Minute zunächst den Ausgleich durch Edin Dzeko vor. Im anschließenden Elfmeterschießen übernahm er selbst Verantwortung und verwandelte. Wenige Tage später wiederholte sich die Geschichte.

Wieder trat er zum Elfmeter an, wieder blieb er cool. Diesmal stand ihm mit Gianluigi Donnarumma einer der besten Torhüter der Welt gegenüber. Bosnien qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft in Nordamerika – und Alajbegovic hatte daran entscheidenden Anteil. Für die italienischen Fans wiederum wurde sein Name eher zum Synonym eines Albtraums.

So groß wie die Erwartungen in Bosnien waren auch jene in Leverkusen. „Wir haben bewusst den Weg mit Bayer Leverkusen eingeschlagen“, betonte Semin Alajbegovic im Frühjahr und verwies auf das enge Verhältnis zu Geschäftsführer Fernando Carro, Rolfes und Kaderplaner Kim Falkenberg.

Rolfes betonte: „Es ist ein großes Ziel, in den nächsten Jahren Spieler aus der Akademie in die erste Mannschaft zu integrieren. Deswegen freuen wir uns sehr, dass Kerim diesen Sommer zurückkommt.“ Oder, wie sich jetzt zeigen sollte: eine Millionenablöse einbringt. 

Deswegen wollte Alajbegovic nicht in Leverkusen bleiben

Rückenwind erhielt das Thema nicht zuletzt durch die WM. Alajbegovic kam bei allen vier Partien Bosnien-Herzegowinas zum Einsatz, erzielte einen Treffer und steigerte seinen Marktwert weiter. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass der 18-Jährige nach seinem Durchbruch in Salzburg keine Rolle als Herausforderer anstrebte.

In Leverkusen wartete auf seiner Position Konkurrenz, allen voran durch Eliesse Ben Seghir, der ein ähnliches Profil mitbringt, oder Neuzugang Afonso Moreira. Auch das Spielsystem des neuen Trainers Carles Martínez, das auf klassische Flügelspieler ausgerichtet ist, passte nicht optimal zu Alajbegovics Stärken. Der Wechselwunsch verfestigte sich. Mit nun bekanntem Ausgang. 

Für die Rheinländer zahlt sich der Deal trotzdem aus. Der Klub kassiert ein gewaltiges Transferplus und beendet zugleich ein zunehmend sensibles Dauerthema. Dass das Umfeld des Spielers irgendwann immer wieder öffentlich mit einem Wechsel kokettierte, stieß längst nicht überall auf Begeisterung.

„Future Team“ erweist sich als Goldgrube

Manche Fans sahen in ihm den nächsten Florian Wirtz, ein Ausnahmetalent, das sie am liebsten selbst im Bayer-Trikot hätten aufblühen sehen. Andererseits erweist sich das eigens geschaffene „Future Team“, aus dem der Verein vielversprechende Talente gezielt verleiht oder abgibt, statt sie in einer eigenen Zweitmannschaft zu parken, erstmals als echte Goldgrube.

Die Idee dahinter: möglichst viele Einsatzminuten auf hohem Niveau, möglichst viel Entwicklung im Wettbewerb. Aus Talenten sollen Profis werden. Der Lohn kann sportlicher Natur sein. Oder wirtschaftlicher. Alajbegovic ist der bislang eindrucksvollste Beweis.

Bis zu 40 Millionen Euro für einen Spieler, der keine einzige Pflichtspielminute für die Profis absolviert hat – einen besseren Nachweis für den Wert des Modells dürfte es kaum geben.