Nur wenige Sekunden, nachdem die Uhr in Cleveland auf null getickt hatte, erstrahlte mit dem Empire State Building eines der berühmtesten Wahrzeichen der Welt in den Farben Blau und Orange. Es ist ein klares Zeichen dafür, was die berühmteste Stadt der Welt, New York, aktuell beschäftigt.
Das Ende einer unglaublichen Leidenszeit?
Eine Weltstadt im Ausnahmezustand
Die Stadt, die niemals schläft, ist aktuell noch aufgeregter, noch lauter und noch wilder. All das nur aus einem Grund: Die New York Knicks spielen begeisternde NBA-Playoffs und stehen erstmals seit 1999 wieder in den NBA-Finals.
Durch den deutlichen 130:93-Erfolg bei den Cleveland Cavaliers um Nationalmannschafts-Kapitän Dennis Schröder gewannen die Knicks die Serie in den Eastern Conference Finals mit 4:0.
Es ist der insgesamt elfte Sieg in Folge in den laufenden Playoffs. Grund genug für die basketballbegeisterten New Yorker, davon zu träumen, dass die begehrte Larry-O’Brien-Trophäe nach 53 Jahren endlich in das Mekka des Basketballs zurückkehrt.
NBA: Wegen Hype um Knicks muss sogar die Polizei eingreifen
1973 gewannen die Knicks die letzte ihrer beiden Meisterschaften und wer aktuell auf die Veranstaltungen oder auf die New Yorker Straßen schaut, dem wird sehr schnell klar, dass im Big Apple jeder daran glaubt, dass in diesem Jahr die nächste Meisterschaft folgt.
In der Millionenstadt herrscht aktuell ein echter Hype um die Knicks. An vielen Orten schauen die Fans teils zu Tausenden die Spiele ihrer Helden. Rund um den legendären Madison Square Garden kommt es nach den Spielen, egal ob daheim oder auswärts, regelmäßig zu Tumulten. Tausende Menschen feiern ausgelassen und sehr oft viel zu wild auf den Straßen.
Dies rief zuletzt sogar das NYPD auf den Plan, welches kurzerhand Public Viewing aufgrund von zu großer Gefahr eigentlich verboten hatte. Dies hielt die Knicks-Fans trotzdem nicht davon ab, den Finaleinzug auf den Straßen New Yorks zu feiern.
Aber nicht nur in New York feierten tausende Menschen. Auch in Cleveland gab es eine große Knicks-Party. Zahlreiche Fans reisten in den Playoffs regelmäßig zu den Auswärtsspielen und sorgten selbst auswärts für Heimspielatmosphäre. Ein Umstand, den es im US-Sport sonst quasi nirgendwo gibt.
Regelmäßig mit auf Reisen geht auch die legendäre Celebrity-Row aus dem Madison Square Garden, bestehend aus Knicks-Legenden wie Patrick Ewing, Hollywood-Schauspielern wie Ben Stiller oder Timothée Chalamet und Knicks-Edelfan Spike Lee, die mit dem Team nach dem Spiel gemeinsam den Finaleinzug feierten.
Knicks nach dunklen Jahren zurück: „Ist etwas Magisches“
„Das ist ein unglaubliches Team. 1973 ist lange her, wir waren oft nah dran, jetzt ist der Basketball wieder der Sport der Stadt“, freute sich ein begeisterter Lee nach dem Spiel an der Seitenlinie in Cleveland.
Der Filmemacher weiß, wovon er spricht. Er besucht seit Jahrzehnten nahezu jedes Spiel seiner Knicks. Er hielt dem Team auch in den dunklen Zeiten in den 2000ern und 2010ern die Treue.
Es ist noch gar nicht lange her, dass die Fans gar keinen Grund für Zuversicht hatten. In der Saison 2018/19 verzeichneten die Knicks eine Bilanz von 17:65, die schlechteste der Liga. Zuvor hatten sie sieben Saisons in Folge eine negative Bilanz vorzuweisen.
Umso größer ist daher jetzt die Begeisterung in New York. „Es ist etwas Magisches, es ist etwas Historisches. Es ist etwas, wonach sich New York schon seit langer Zeit sehnt“, sagte Karl-Anthony Towns nach dem Finaleinzug. Der Center weiß, wovon er spricht. Er wuchs als Kind in New Jersey unweit von New York auf und erlebte als Fan eben auch die tristen Jahre.
Brunson auf dem Weg zum „König von New York“
Doch damit ist jetzt Schluss, weil in New York viele Spieler perfekt zusammenpassen, denen viele Experten vor einigen Jahren wohl kaum zugetraut hätten, dass sie das Zeug zu Topspielern in einem Meisterschaftsteam haben.
Ganz oben auf dieser Liste steht Top-Star Jalen Brunson. Als die Knicks ihn 2022 als Free Agent unter Vertrag nahmen, galt er als wichtiger Baustein, aber nicht als Dreh- und Angelpunkt für den Wiederaufstieg der Knicks. In Dallas wollte ihm der damalige GM Nico Harrison keinen Maximalvertrag geben. Im Rückblick ein weiterer katastrophaler Fehler des Mannes, der drei Jahre später Luka Doncic tradete.
Brunson galt mit 1,88 Metern für viele als zu klein, um ein Meisterschaftsteam anzuführen. Spätestens in dieser Saison zeigt es der Point Guard allen Kritikern. In der Postseason erzielt er 26,9 Punkte und 6,6 Assists im Schnitt. Zudem wurde er verdient und einstimmig zum MVP der Conference Finals gewählt.
Viele nennen Brunson schon jetzt den „König von New York“. Wahrscheinlich ist er aktuell wirklich nur noch vier Siege davon entfernt, auf ewig eine gottgleiche Persönlichkeit im Big Apple zu sein.
Knicks haben unglaublich viele Waffen
Der Guard ist aber natürlich nicht der einzige Erfolgsfaktor. Die Verantwortlichen der Knicks haben ein Team zusammengestellt, das perfekt zu Brunsons Stärken passt und zudem seine Schwächen in der Defensive ausgleicht.
Speziell die Offensive läuft wie ein Uhrwerk. Oft strahlen alle fünf Spieler auf dem Parkett extreme Gefahr aus. Bestes Beispiel war dafür Spiel vier in Cleveland, als mit Karl-Anthony Towns (19 Punkte), OG Anunoby (17), Landry Shamet (16), Mikal Bridges (15), Jalen Brunson (15) und Miles McBride (11) gleich sechs Spieler zweistellig punkteten.
Aber auch weitere Akteure, die die Knicks über kleinere Moves nach New York lotsten, funktionieren in ihren Rollen perfekt. Mitchell Robinson vernagelt in der Defensive oft die Zone, Jose Alvarado ist am Perimeter die wortwörtliche Pest in der Defensive und wenn es einen kleinen Schub für die Offensive braucht, kann immer „Mikrowelle“ Jordan Clarkson reingeworfen werden.
Insgesamt hat New York mindestens eine Neuner-Rotation, die auch mit den gefürchteten Top-Teams des Westens mithalten kann. So findet sich mit Ariel Hukporti am Ende der Bank ein Spieler, der bei vielen NBA-Teams sicher zur Rotation gehören würde.
Der Deutsche kommt bisher auf acht Kurzeinsätze in den Playoffs. In durchschnittlich 8,8 Minuten legt der Big Man 2,1 Punkte, 3,9 Rebounds sowie 0,6 Blocks auf. Als Center Nummer drei geht Hukporti als sechster Deutscher in ein NBA-Finale und will der dritte Deutsche mit einem Titel werden.
Mit historischer Dominanz zum Titel?
Und die Chancen dazu stehen tatsächlich nicht schlecht. Nach dem schwachen Start in die Playoffs und dem 1:2-Rückstand gegen die Atlanta Hawks in der ersten Runde drehte New York so richtig auf und gewann alle folgenden elf Spiele.
Dabei agieren die Knicks aktuell historisch gut: Nicht einmal die 1972/73er-Knicks kamen bei ihrem Meisterschafts-Run so ins Rollen. Bei den elf Siegen in Serie schlugen sie ihre Gegner Atlanta, Philadelphia und Cleveland insgesamt mit 262 Punkten. Über eine Spanne von elf Partien gewann in der NBA-Geschichte in den Playoffs und in der regulären Saison kein Team mit einem größeren Abstand (23,8 Punkten im Schnitt).
Selbst Überteams wie die 2017er Golden State Warriors mit Steph Curry und Kevin Durant (16,5 Punkte im Schnitt) oder die Los Angeles Lakers 2001 mit Shaquille O’Neal und Kobe Bryant (15,4 Punkte), die beide auf dem Weg zum Titel ebenfalls elf Spiele in Folge gewannen, dominierten nicht so deutlich.
Im Finale trotzdem kein Favorit
Als Favorit werden die Knicks trotzdem nicht in die NBA-Finals gehen. Zu stark waren Titelverteidiger Oklahoma City Thunder und die San Antonio Spurs rund um Superstar Victor Wembanyama in der Hauptrunde und auch in den laufenden Playoffs.
Aber die Knicks kennen sich damit aus, als Underdog zu überraschen. Zudem können sie schon jetzt die Füße hochlegen, während sich im Westen die Kontrahenten einen längeren Abnutzungskampf liefern. Aktuell steht es in der Serie 3:2 für OKC.
Die Fans in New York fürchten sowieso keinen Gegner. Für sie ist klar: Das ist unser Jahr. Spätestens dann könnte im Big Apple endgültig der Ausnahmezustand ausbrechen.