Nach drei Spielzeiten endete Marcel Dabos NFL-Abenteuer im vergangenen Jahr mit der Entlassung bei den Indianapolis Colts. Im SPORT1-Interview bezeichnet er die Zeit danach als „das wahrscheinlich härteste Jahr in meinem Leben“. Dabo spricht detailliert über sein Aus in Indy und erklärt, wieso er wenige Monate später schließlich seine NFL-Karriere beendete – und weshalb er schließlich gänzlich die Sportart wechselte.
Dabo über NFL-Aus: „Härtestes Jahr meines Lebens“
Dabo über NFL-Aus: „Härtestes Jahr meines Lebens“
Inzwischen ist der 26-Jährige als Sprinter aktiv und deswegen auch mit einigen Problemen der Leichtathletik konfrontiert, die er auch bei der EM in Birmingham feststellen konnte. Bei leeren Stadien „blutet mein Herz“, meint Dabo, der in der NFL den kompletten Kontrast erlebte. Sein Ex-Team sieht er gut gerüstet für die kommende Saison, es müsse nur „irgendwie klicken“.
Dem American Football bleibt er ohnehin treu: In der laufenden Saison ist Dabo als RTL/Sky NFL-Experte in den Football-Kosmos zurückgekehrt. Am Sonntag hatte er beim Duell der Tampa Bay Buccaneers gegen die Cincinnati Bengals seinen ersten Einsatz.
Marcel Dabo: „Es war das härteste Jahr in meinem Leben“
SPORT1: Hallo Herr Dabo, mittlerweile ist es mehr als ein Jahr her, dass Sie von den Colts entlassen wurden. Damals war es noch nicht klar, doch es sollte auch Ihr endgültiges Aus in der NFL sein. Was hat sich seitdem bei Ihnen getan?
Marcel Dabo: Einiges! Es hat sich sehr viel getan, das war ein sehr interessantes Jahr für mich. Es war wahrscheinlich das härteste Jahr in meinem Leben. Weil ich sehr viel Zeit damit verbringen musste, nachzudenken, was ich möchte von meinem Leben, was ich möchte von meiner sportlichen Karriere? Ich habe im Zuge dessen angefangen mit Leichtathletik und bin mittlerweile nicht mehr auf dem Footballfeld, sondern auf der Tartanbahn am Sprinten. Ich hatte mich erstmal aus dem Football-Kosmos ein Stück weit rausgezogen, bis ich eben jetzt wieder den Weg zurückgefunden habe.
SPORT1: Wie lief Ihre Entlassung bei den Colts aus Ihrer Sicht ab? Hatten Sie bereits damit gerechnet oder kam die Entscheidung aus dem Nichts?
Dabo: Es war schon ein Stück weit überraschend. In den OTAs (freiwillige Trainingseinheiten der NFL-Teams in der spielfreien Zeit, Anm. D. Red.) hat man immer Montag bis Donnerstag Training. Es war ein Donnerstagnachmittag. Wir waren fertig mit unserer Woche. Ich habe im Januar eine Vertragsverlängerung unterschrieben, bin dann im April zurück nach Indianapolis. Ich habe da trainiert, mir den Hintern aufgerissen. Donnerstagnachmittag kam dann irgendwann die Nachricht: „Hey, kannst du noch mal in die Facility kommen?“ Und wenn du so eine Nachricht kriegst, dann weißt du eigentlich schon direkt, was passiert. Nach fast vier Jahren weißt du, wie solche Sachen ablaufen.
SPORT1: Wie ging es dann weiter?
Dabo: Ich habe meinen Berater angerufen und ihm gesagt, dass sie wollen, dass ich noch einmal in die Facility komme, und ich glaube, dass sie mich entlassen wollen. Er hat mir das bestätigt und schon mit dem General Manager gesprochen. Das Ganze ist sehr unpersönlich und emotionslos. Es geht nicht um Friede, Freude, Eierkuchen, sondern um Business. Du gehst in die Einrichtung, führst ein paar sporadische Gespräche, packst deine Sachen und dann bist du raus.
„Dann war die Sache für mich eigentlich klar“
SPORT1: Wie ging es bei Ihnen weiter? Sie haben Ihre Karriere schließlich nicht direkt im Anschluss beendet, sondern erst ein paar Monate später. Wie sah da der Gedankenprozess aus?
Dabo: Ich hatte ein Arbeitsvisum. Dann hat man 30 Tage Zeit, die USA zu verlassen. Das ist auch eine Sache, die ich vorher nicht wusste. Ich bin nach der Entlassung in der Offseason nach Deutschland gekommen zu meiner Familie. Wir haben versucht, mit anderen Teams zu quatschen und geschaut, wo es eine Möglichkeit gibt. Zum Beispiel bei Teams, bei denen der Extra-Platz für einen International Player nicht belegt war. Das wäre eine Möglichkeit gewesen, nochmal reinzukommen. Aber ich habe dann nach ein paar Monaten gemerkt: Wenn du als Deutscher einmal raus bist aus der Sache – ohne wirklich viel Spielerfahrung, ohne Game-Tape – dann ist es schwierig, wieder reinzukommen.
SPORT1: Wie kamen Sie dann letztlich zum Wechsel von Football auf Leichtathletik?
Dabo: Dann habe ich meine Chancen evaluiert und überlegt, was ich von meiner Football-Karriere möchte und sehr schnell gemerkt, dass ich das eben nicht mehr möchte. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich an einem ziemlich ungünstigen Zeitpunkt in meiner Karriere bin. Ich bin im Prinzip zu jung, um zu sagen: „Das war’s jetzt mit meiner sportlichen Karriere!“ Aber ich kann mir auch nicht wahnsinnig viel Zeit lassen, um eine andere sportliche Karriere einzuleiten. Im Zuge dessen habe ich dann meinen Trainer kennengelernt, Udo Metzler, der mich in der Leichtathletik trainiert. Dem habe ich meine Pläne mitgeteilt und er hat dann gesagt: „Wenn wir uns jetzt ein paar Jahre hinsetzen und arbeiten, dann kannst du echt weit kommen“. Und dann war die Sache für mich eigentlich klar, dass ich sage: „Die Football-Karriere war mega schön und ich bin mega dankbar. Aber ich möchte jetzt in einer anderen Sportart richtig Gas geben.“
SPORT1: Die Parallelen zwischen den beiden Sportarten sind ja offensichtlich. Außerdem war die Athletik ja immer Ihr Steckenpferd.
Dabo: Auf jeden Fall. Die leistungsbestimmenden Faktoren sind ähnlich. Das sieht man an mehreren Beispielen. Tyreek Hill läuft die 100 Meter in 10,1 Sekunden. Damit wäre er dieses Jahr Deutscher Meister geworden, ohne aktiv Leichtathletik zu machen. DK Metcalf ist 2021 mal die 100 Meter gelaufen in 10,3 Sekunden. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das zeigt, was für Wahnsinns-Athleten wir in der NFL haben. Sprinten ist vom Bewegungsablauf ähnlich, aber doch auch anders, weil es nur um das Sprinten an sich geht.
„Es dauert einfach eine Zeit, bis man das verstanden hat“
SPORT1: Wie sehr haben die Entlassung und die ausbleibenden Angebote im Anschluss an Ihr Aus bei den Colts Sie getroffen?
Dabo: Man muss verstehen: Da ist jemand, der von heute auf morgen im Prinzip Profi geworden ist. Jemand, der in Deutschland studiert hat, der ganz normal wie alle anderen seinen Weg gegangen ist – und dann von heute auf morgen ins International Player Pathway Programm reingekommen ist, da einen extremen Boom gehabt hat, einen Pro Day gehabt hat, über den irgendwie alle gesprochen haben. Ein International Combine, über das alle gesprochen haben. Und dann unterschreibst du deinen Vertrag bei den Colts. Das ist dann dein Leben. Du bist dann Marcel Dabo, der Footballspieler. Und dann wird dir an irgendeinem Donnerstag im Mai das alles einfach weggenommen. Und das ist dann nicht so einfach. Das ist dann echt schwierig. Ich hatte Ambitionen, eine noch längere Karriere zu haben. Und irgendwann wird dir das genommen, das ist dann hart. Es dauert einfach eine Zeit, bis man das verstanden hat. Ich habe immer schon verstanden, dass es ein Business ist. Aber wenn man es dann am eigenen Leib spürt, ist es auch nochmal anders.
SPORT1: Wie Sind Sie seit ihrem Aus mit der NFL in Verbindung geblieben? Man kann sich vorstellen, dass man nach einem so frühen Karriereende erstmal Abstand möchte.
Dabo: Ich habe wirklich erstmal Abstand gebraucht von dem Ganzen. Man hat dann aber auch Freunde in der NFL, mit denen man richtig gut ist und mit denen man noch Kontakt hat. Aber insgesamt habe ich schon erstmal Abstand gebraucht. Das hat sich dann auch irgendwann gelegt. Wenn man es vergleichen müsste: Es ist wie eine Trennung, nach der man erstmal Abstand braucht, um zu wissen, wohin es gehen soll. Dann kann man auch wieder mit Vollgas die nächsten Schritte attackieren.
Colts? „Insgesamt ist das schon schade zu sehen“
SPORT1: Was sind heute Ihre größten Bezugspunkte zur NFL? Sind es die Colts, weil Sie dort noch einige Spieler aus dem letzten Jahr kennen?
Dabo: Was ich immer krass finde: Wenn ich mir jetzt den Colts-Roster anschaue, finde ich es extrem, wie wenige Namen ich dann doch noch persönlich kenne. Und das zeigt einfach wieder, wie schnelllebig das Geschäft ist. Natürlich hast du so deinen Kern von Leuten, die längere Verträge unterzeichnet haben. Aber der Großteil sind Leute, die nächstes Jahr wahrscheinlich schon bei einem anderen Team sind. Aber nichtsdestotrotz kann man da Freunde finden und Personen kennenlernen und auch echte Beziehungen aufbauen.
SPORT1: Wie schätzen Sie die Chancen der Colts in dieser Saison ein? Letztes Jahr haben sie erst heiß geglüht, spätestens nach der Verletzung von Quarterback Daniel Jones ist den Colts dann aber die Luft ausgegangen.
Dabo: Jedes Jahr, in dem ich bei den Colts war, hat irgendwie gleich begonnen. Angefangen hat es 2022 mit Matt Ryan, wo man irgendwie gedacht hat: „Jetzt haben wir das fehlende Puzzleteil.“ Davor hatte es mit Carson Wentz ja nicht wirklich funktioniert. Dazu hat man mit Jonathan Taylor den wohl besten Running Back der Liga. Aber insgesamt ist das schon schade zu sehen, weil man sieht, dass es in der NFL wirklich ein paar Prozent sind, die am Ende entscheiden, ob ein Team in die Playoffs kommt oder nicht.
SPORT1: Woran liegt es?
Dabo: Am Roster lag es nie. Man hatte immer einen super Roster – auch dieses Jahr wieder mit Charvarius Ward, Sauce Gardner, Cam Bynum in der Defensive. Sie haben wirklich extrem gute Spieler, aber irgendwie muss es dann auch klicken. Dann hattest du das Dilemma mit Anthony Richardson, den die Colts an Nummer vier gedrafted haben und der nicht so funktioniert hat, wie alle gedacht hatten. Jetzt ist er vielleicht nur noch der dritte Quarterback. Das sind Dinge, die sehr unglücklich gelaufen sind bei den Colts. Für mich als ehemaliger Colts-Spieler ist es schade, weil es dann irgendwie ein bisschen ironisch ist, wenn man sich dabei erwischt, dass man (nach einem guten Saisonstart, Anm. D. Red.) sagt: „Jetzt wartet mal ab.“ Und dann passiert genau das, was schon die letzten fünf oder sechs Jahre passiert ist.
Leere Stadien bei der Leichtathletik-EM? „Da blutet mein Herz“
SPORT1: Wenn man aktuell auf Ihre Kanäle in den Sozialen Medien blickt, findet man dort viel Content zur Leichtathletik, zuletzt deswegen auch zur Leichtathletik-EM in Birmingham, die sowohl für negativen als auch positiven Gesprächsstoff gesorgt hat. Was ist bei Ihnen hängengeblieben?
Dabo: Zunächst einmal ist mir aufgefallen, dass echt wenig Leute im Stadion in Birmingham waren. Das fand ich extrem schade, weil wir so viele tolle Athleten und Athletinnen haben – auch aus deutscher Sicht -, die Wahnsinnsleistungen vollbracht haben. Und da blutet mein Herz immer ein Stück weit, weil ich weiß, wie das eigentlich sein sollte, wie es sein kann. Die NFL ist das beste Beispiel. Das ist ein Showgeschäft. Das fehlt mir in der Leichtathletik. Das ist aber natürlich schwierig, weil es ein Einzelsport ist und weil die 100-Meter-Sprinterinnen und -Sprinter nur zehn Sekunden haben, um sich in Szene zu setzen. Im Fußball sind es 90 Minuten, mit Nachspielzeiten sogar fast 100 Minuten Spielzeit, wo man viel mehr mitbekommt von dem Geschehen. Deswegen versuche ich, die Leute auch so gut es geht auf meine Reise vom NFL-Spieler zum Sprinter mitzunehmen. Das habe ich mir auf die Fahne geschrieben.
SPORT1: Was waren bis dato die größten Erfolge, die Sie auf ihrem neuen Karriereweg gefeiert haben?
Dabo: Ich bin bei den baden-württembergischen Hallenmeisterschaften zweimal Zweiter geworden, über 60 Meter und 200 Meter. Da bin ich extrem stolz drauf. Nach nur fünf Wochen Leichtathletik-Training hätte ich das niemals gedacht in dieser Übergangsphase vom NFL-Spieler zum Sprinter. Dann bin ich auch bei den Süddeutschen Meisterschaften eine Woche später zweimal in den Top 8 gelandet. Das sind meine bisher größten Erfolge, auf die ich extrem stolz bin. Ich bin aber am meisten stolz darauf, dass ich den Schritt gewagt habe und mich nicht auf dem ausruhe, was in der NFL passiert ist. Getreu dem Motto: „Ich war NFL-Spieler und ich rede jetzt mein ganzes Leben davon.“ Nein. Ich habe mich erstmal neu definiert und das alles auf mich zukommen lassen. Und auf den richtigen Moment gewartet, um Football Deutschland nochmal Impulse zu geben. Deswegen bin ich auch so froh, dass es jetzt so gekommen ist, wie es gekommen ist.
SPORT1: Gibt es bei Ihnen abseits von der Leichtathletik noch Zukunftspläne? Vor dem Sprung in die NFL hatten Sie ja Lehramt studiert …
Dabo: Richtig: Ich wäre eigentlich Lehrer geworden, wäre ich nicht in die NFL gegangen. Aber meine Mutter hat mir immer gesagt: Man hat eine Berufung und keinen Beruf. Und der Berufung kann man in vielen Sachen nachgehen. Mein Ziel war immer, Leute oder Jugendliche positiv zu beeinflussen. Und das kann ich machen als NFL-Experte im Fernsehen, als Coach oder als Creator im Internet. Ich lasse es auf mich zukommen. Ich weiß, wie viele Türen mir der Profisport geöffnet hat. Und wenn die Leichtathletik mir nur ein Viertel von diesen Türen öffnet, dann bin ich, glaube ich, auf einem guten Weg.