Mitunter erzählen Zahlen im Sport eine tolle Geschichte. Zum Beispiel die des Dreifach-Torschützen bei einem 3:0-Sieg – noch dazu bei seinem Comeback nach langer Verletzung. Oder vielleicht die des Spielmachers, der ausgerechnet gegen seinen ehemaligen Verein an allen Treffern beteiligt war.
Ist der Unvollendete endlich angekommen?
Ist er endlich angekommen?
Ein Torwart, der in der bisherigen Saison einige folgenschwere Fehler gemacht hat, statistisch zu den schwächsten der Liga gehört, aber im entscheidenden Match alle Schüsse hält, sogar die vermeintlich Unhaltbaren? Was wäre das für eine Story.
Doch manchmal erzählen Zahlen eben nicht alles. Denn sie sagen nichts über die Gefühlslage eines Athleten aus, über seine Erleichterung, die Gewissheit, es doch noch zu können.
Lukas Reichel ist ein solcher Athlet. Er hatte am Donnerstag beim 6:1-Heimsieg der Boston Bruins gegen die Winnipeg Jets ein Tor geschossen und einen weiteren Treffer vorbereitet. Noch dazu in seinem ersten Spiel für die Braunbären – das zugleich seine erste Partie in der NHL seit dem 28. November 2025 war.
Trotzdem war Reichel mit seiner Statistik im Bruins-Team an diesem Abend zunächst nichts Besonderes. Denn beim zweithöchsten Saisonsieg der Mannschaft von Trainer Marco Sturm hatten neben dem deutschen Angreifer noch vier weitere Profis zwei Punkte erzielt. Und dennoch war Reichel der Glücklichste von allen.
Reichel: “Konnte einfach ich selbst sein”
Auf einer Gefühls-Skala von eins bis zehn befinde er sich bei “8,5 – also schon weit oben”, sagte der 23-Jährige nach dem Spiel im Gespräch mit SPORT1.
Reichel stand in der ovalen Bruins-Kabine, umgeben von rund 25 Journalisten, die ihm Kameras, Mikrofone und Handys entgegenstreckten. Er habe sich “einfach gut gefühlt”, erklärte der ehemalige Berliner, “die Jungs” hätten “von Anfang an einen richtig guten Job gemacht”, sodass er einfach er selbst sein konnte.
So viel Positives war schon lange nicht mehr vom Flügelstürmer zu hören. Das ist nicht verwunderlich. Denn Reichel hatte schon lange nicht mehr solch ein Spiel wie an diesem 19. März 2026. Ganz im Gegenteil. Er trägt mittlerweile durchaus den Makel des Gescheiterten mit sich herum. Ein Talent, das nie über den Status des Talents hinauskam.
Nicht mal beim Schlusslicht war Platz für ihn
2020 war er von den Chicago Blackhawks bereits an der 17. Stelle gedraftet worden und galt als einer der hellsten Sterne am Eishockey-Talente-Himmel. Doch sechs Jahre später hat Reichel sich in der stärksten Eishockey-Liga der Welt immer noch nicht durchgesetzt – trotz 189 Spielen, 23 Toren und 38 Torvorlagen.
Die Boston Bruins sind in dieser Saison bereits sein fünftes (!) Team. Reichel begann die Spielzeit im Oktober bei den Chicago Blackhawks – und zwar auf der Tribüne. Er hatte zwar sein Sommertraining umgestellt und gehofft, im neuen Trainer, Jeff Blashill, einen Fürsprecher zu haben – doch all das erfülle sich nicht.
Am 24. Oktober endete das Chicago-Chapter für ihn. Die Blackhawks gaben Reichel an die Vancouver Canucks ab. Doch in der Olympiastadt von 2010 hatten sie nach nur 14 Spielen mit einer Torvorlage bereits genug vom Neuzugang, schickten Reichel ins Farmteam, zu den Abbotsford Canucks in die zweitklassige American Hockey League (AHL). Wo sollte für den Linkshänder in der NHL überhaupt noch ein Platz sein, wenn ihn selbst das Tabellenschlusslicht Canucks nicht haben will?
Deutsches Eishockey-Talent überzeugt bei Olympia
Im Februar folgten die Winterspiele in Mailand. Deutschland war erstmals seit 2010 wieder mit NHL-Profis bei Olympia dabei – und Reichel bei der Nationalmannschaft umgeben von seinen Kumpels wie Tim Stützle (Ottawa Senators) und JJ Peterka (Utah Mammoth). Das tat ihm sichtlich gut. Reichel spielte ein starkes Turnier (zwei Tore, eine Vorlage) und war einer der Leistungsträger in einer Mannschaft, die zwar Sechste wurde, aber nie richtig überzeugte.
In Mailand saßen viele Verantwortliche der NHL-Vereine auf der Tribüne, einer von ihnen war Bruins-Manager Don Sweeney. Er war auf der Suche nach einem schnellen Stürmer und hatte sich die Partien der deutschen Mannschaft gegen Frankreich (5:1) und die Slowakei (2:6) angeschaut. Reichel konnte ihn offenbar überzeugen.
“Da war Lukas sehr, sehr gut. Er hat sehr gute Fähigkeiten nach vorne. Mit seiner Schnelligkeit ist er wirklich gefährlich und hat auch noch gute Hände dazu”, sagte Bruins-Coach Sturm bei SPORT1. Reichel hatte beim Viertelfinal-Aus gegen die Slowaken das erste Tor geschossen und das zweite vorbereitet.
Sturm spielte einst mit Papa Reichel zusammen
Sweeney war angetan – und ja, es habe natürlich geholfen, „dass ich ihn ein bisschen kenne, dass er Deutscher ist”, betonte Sturm mit einem Lächeln.
Er hatte einst mit Lukas’ Vater, Martin Reichel, zusammen in der Nationalmannschaft gespielt, unter anderem bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City. Am 6. März holten die Bruins Reichel aus Vancouver, schickten ihn aber zunächst in ihr AHL-Team, die Providence Bruins. Es galt jedoch als ziemlich sicher, dass Reichel bald eine Chance im NHL-Team der Bruins bekommen würde.
Nun war es so weit. Reichel hatte in Providence einen starken Eindruck gemacht, gleich in seinem ersten Spiel das Siegtor in der Verlängerung geschossen. Und Sturm brauchte einen Ersatz für den verletzten Michael Eyssimont. Am Dienstag rief Manager Sweeney bei Reichel an, am Mittwoch drehte er – die Bruins hatten einen freien Tag – alleine in der Trainingshalle seine Runden.
Tags drauf traf der Lockenkopf erstmals seine neuen Mitspieler und auch Marco Sturm. “Ich habe ihm gesagt, was ich von ihm erwarte, aber auch, dass er frei aufspielen und das machen soll, was er kann”, erklärte der Coach.
Torwart-Geschenk: Reichel sagt Danke
Reichel spielte bei seinem Debüt frei auf – und traf in der 26. Minute zum 2:0. Es war zwar ein Geschenk von Winnipeg-Torhüter Connor Hellebuyck, dem der Puck hinter dem Tor versprungen war, sodass Reichel die Scheibe reaktionsschnell ins leere Gehäuse schob – aber wen interessiert das schon? Hauptsache mal wieder ein Erfolgserlebnis in der NHL. Nach so langer Warterei und so vielen Spielen in der AHL.
Dass Reichel auch an der Vorbereitung zum sechsten Bruins-Treffer beteiligt war, rundete den Abend für ihn ab. “War natürlich ein toller Einstand”, sagte Sturm. Doch der 47-Jährige machte zugleich klar, dass für ihn nicht die Nationalität zähle, sondern “die Mannschaft immer das Wichtigste” sei. Deshalb habe Reichel bei ihm “keinen Vorrang”, sondern müsse sich “alles erarbeiten“.
NHL-Talent „will nächsten Schritt machen“
Das weiß Reichel natürlich. Und er weiß auch, dass Sturm als Trainer gilt, der junge Spieler fordert, vor allem aber fördert.
“Hoffentlich ist er ehrlich zu mir”, sagte Reichel. Aber ein Landsmann als Trainer, “einfach mal deutsch reden” – das helfe schon, sagte er.
Sein Vertrag endet am 30. Juni. Ob die Bruins womöglich seine letzte Chance sind, sich in der NHL endlich durchzusetzen? Er wolle nicht “an die Zukunft oder die Vergangenheit denken”, betonte Reichel. Er sei ja “noch jung”, wolle “jetzt den nächsten Schritt machen” und versuche deshalb sein Bestes zu geben, damit er “für lange Zeit” bei den Bruins spielen kann.