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Biathlon-WM: Eine riskante Entscheidung wird zum deutschen Märchen

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Deutsches Risiko zahlt sich aus

Die zuletzt viel kritisierten deutsche Biathlon-Männer haben bei der WM nach einem starken Auftritt Staffel-Bronze gewonnen. Am Ende zahlt sich eine riskante Entscheidung voll aus - es fließen sogar Freudentränen.
Philipp Horn (am Boden liegend) war nach der Schlussrunde in der Staffel völlig erschöpft
Philipp Horn (am Boden liegend) war nach der Schlussrunde in der Staffel völlig erschöpft
© IMAGO/Bildbyran
Die zuletzt viel kritisierten deutsche Biathlon-Männer haben bei der WM nach einem starken Auftritt Staffel-Bronze gewonnen. Am Ende zahlt sich eine riskante Entscheidung voll aus - es fließen sogar Freudentränen.

Jedes Rennen hat sie, diese eine Schlüsselstelle. Der Punkt, an dem sich entscheidet, ob der Weg zum Erfolg führt oder nicht - das ist im Biathlon natürlich nicht anders. Im Staffelrennen der Herren sollte es das vorletzte Schießen der Schlussläufer sein. Da kam Philipp Horn, der vierte Mann des Deutschen Skiverbandes (DSV), in aussichtsreicher Position als Dritter ins Stadion zurück. Philipp Nawrath, Danilo Riethmüller und Johannes Kühn hatten gut vorgelegt. Dann aber das: Drei der fünf schwarzen Scheiben blieben beim Liegendschießen stehen. Das Zittern begann.

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„Ich war fast ein bisschen geschockt, weil gleich drei daneben gingen“, schilderte Horn später die für ihn so schwierige Situation. „Bei einer dachte ich: ‚Kein Problem, ich habe Nachlader. Aber bei dreien wurde es eng, da musste ich mich wirklich zusammenreißen.“ Doch der 30-Jährige behielt die Nerven und schoss jede der Zusatzpatronen ins anvisierte Ziel. Ein wichtiger Moment. Hätte er dem enormen Druck nicht standgehalten, wäre die Medaille für die DSV-Staffel wohl schon weg gewesen. So allerdings blieb Horn im Rennen - und wuchs in der Folge über sich hinaus.

„Die härteste Runde, die ich jemals hatte“

Denn beim abschließenden Stehendschießen, als es zum direkten Duell mit dem schwedischen Olympiasieger Sebastian Samuelsson um Bronze kam, zeigte sich Horn plötzlich von einer ganz anderen Seite und wackelte überhaupt nicht mehr. In nur 20,6 Sekunden räumte er die fünf kleinen Scheiben ab. Samuelsson hingegen, sein eigentlich etwas stärker eingeschätzter Gegner, musste einmal nachladen und verlor rund 13 Sekunden auf seinen deutschen Konkurrenten. Auf der letzten Schleife verteidigte Horn so seinen Vorsprung - auch wenn ihm im Ziel zunächst die Kraft zum Jubeln fehlte.

Vollkommen entkräftet schleppte sich der Oberhofer über die Ziellinie und sank sofort in den Schnee. „Das war wirklich die härteste Runde, die ich jemals hatte“, gab Horn hinterher zu. „Ich habe alles gegeben und noch viel mehr. Am höchsten Punkt habe ich gedacht, dass ich es nicht mehr um die Kurve schaffe.“ Doch Horn mobilisierte seine letzten Reserven und überwand auch diese Hürde. „Ich hatte noch nie solche Schmerzen und im Ziel war erst einmal gar nichts im Kopf. Da musste ich erst einmal wieder aufs Leben klarkommen.“ Die herbeieilenden Kollegen herzten ihn währenddessen ausgiebig, kurz darauf flossen sogar Freudentränen.

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Bei Lauftrainer Jens Filbrich, bei Kühn, der nach mehr als zwölf Jahren im Weltcup endlich seine erste WM-Medaille gewann, und bei Horn selbst. „Das letzte Mal war es, glaube ich, bei meiner Hochzeit, dass ich vor Glück geweint habe“, scherzte der bärenstarke Schlussläufer, nachdem Platz drei hinter den siegreichen und überlegenen Teams aus Norwegen und Frankreich feststand, riesig war der Jubel über die erste Staffelmedaille seit fünf Jahren. Ein emotionaler Erfolg, dem nicht wenige Diskussionen vorangegangen waren. Diskussionen über Vorleistungen. Diskussionen über Personalfragen.

DSV-Aufstellung sorgt für Diskussionen

Immerhin entschieden sich die deutschen Trainer für eine Maßnahme, die im Vorfeld bei vielen Fans für Unverständnis gesorgt hatte. Ausgerechnet Justus Strelow, der etatmäßige Startläufer des DSV-Teams, wurde nicht nominiert, obwohl er seine Klasse sowohl in der Mixed- als auch in der Single-Mixed-Staffel unter Beweis gestellt und damit als einziger Athlet des deutschen Herren-Teams bereits zwei Medaillen in der Tasche hatte. Stattdessen liefen mit Nawrath, Riethmüller, Kühn und Horn vier Athleten, die in den vergangenen Tagen eher zu den Gescholtenen gehörten und nicht unbedingt mit übermäßigem Selbstvertrauen ausgestattet waren.

Auch Nawrath gewann gleich zum Auftakt Bronze in der Mixed-Staffel, kam ansonsten aber wegen der Folgen einer Erkältung nicht so richtig in Schwung. Vorsichtshalber wurde er in der Teamunterkunft sogar zeitweise in ein anderes Zimmer verlegt und vom Rest der Mannschaft getrennt. Im Einzel trat er nicht an. Riethmüller hatte derweil am Schießstand zu knabbern - vor allem im Sprint und der anschließenden Verfolgung. „Von vorne bis hinten beschissen“, analysierte der 25-Jährige sein mit acht Schießfehlern völlig versemmeltes Jagdrennen. Doch im Gegensatz zu anderen durfte er wenigstens starten.

Kühn nämlich fand sich während der ersten WM-Woche nur in der Zuschauerrolle wieder. Kein Einsatz in der Mixed-Staffel, kein Einsatz im Sprint und damit auch keine Verfolgung - entsprechend war seine Laune. „Frust ist jede Menge dabei“, sagte der Routinier offen und bezeichnete sich selbst als „Tourist“, bevor er dann im Einzel das erste Mal laufen durfte. Und Horn, der dachte nach Platz 44 im Sprint kurz darüber nach, ob er es einfach sein lassen sollte, so unzufrieden war er. Immerhin zeigte seine Formkurve im Anschluss wieder deutlich nach oben - Edelmetall in der Staffel hatten dennoch nur sehr wenige für möglich erachtet.

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Risiko des DSV zahlt sich aus

Schließlich war diese Weltmeisterschaft in der Lenzerheide für die deutschen Männer größtenteils enttäuschend verlaufen. Immer wieder viel zu viele Schießfehler, die dazu geführt haben, dass sie von der internationalen Konkurrenz meilenweit abgehängt wurden. In Sprint sowie der Verfolgung schaffte es gar keiner in die Top 15 - umso erstaunlicher also, dass am Samstag plötzlich alle vier auf den Punkt da waren. Startläufer Nawrath verwendete vier Nachlader, Riethmüller drei, Kühn absolvierte sein Teilstück sogar fehlerfrei und platzierte seine Farben mitten im Medaillenrennen.

Der grandiose Auftritt von Horn, in früheren Tagen ein ums andere Mal mit unglücklichen Ergebnissen in Staffel belastet, rundete Bild perfekt ab. Es war die fünfte Medaille für den DSV in der Schweiz. Allerdings die erste, an der Überfliegerin Franziska Preuß nicht beteiligt war. Was heißt: Eine der riskantesten deutschen WM-Entscheidungen, den starken Schützen Strelow außen vor zu lassen, zahlte sich am Ende aus. Auch so sorgten die zuvor viel kritisierten Männer dafür, dass eine Bronzemedaille wie Gold gefeiert wurde. Zurecht, angesichts dieser Vorgeschichte.