Franziska Preuß hatte am Sonntag beim abschließenden Massenstart in der Lenzerheide keine halbe Runde in den Beinen, da merkte sie bereits, dass ihre Skier schon einmal deutlich schneller geglitten waren. „Es war vom ersten Meter an ein Krampf. Man spürt, dass man gar nichts machen kann und nur Teil des Wettkampfes ist“, erklärte die 30-Jährige hinterher hör- und sichtlich frustriert. Statt Tempo aufzubauen, „klebten“ ihre Bretter laut eigener Aussage mehr am tiefen Schnee. Das Material der deutschen Frauen, so viel stand schnell fest, war an diesem Mittag alles andere als konkurrenzfähig.
Der Gamechanger im Biathlon
Letztlich schleppte sich die Führende des Gesamtweltcups noch mit der 15. Laufzeit ins Ziel, in der Spur war sie allerdings eine Minute und 49 Sekunden langsamer als die Tagesschnellste, Justine Braisaz-Bouchet - beinahe unvorstellbar angesichts der so konstant starken Leistungen in diesem Winter, ein gefühlter Schlag ins Gesicht. Nicht minder schwertaten sich die drei anderen DSV-Starterinnen. Julia Tannheimer verlor in der Loipe mehr als eineinhalb Minuten, Selina Grotian und Sophia Schneider gar über zwei Minuten. Im Vergleich zur Konkurrenz, vor allem aus Frankreich und Norwegen, wirkte das Quartett fast handlungsunfähig.
Doch nicht nur im deutschen Team, auch bei allen anderen Nationen war es eines der großen Themen der am Wochenende zu Ende gegangenen WM: das Material. Schließlich haben die Wettkämpfe in Lenzerheide einmal mehr gezeigt, wie groß der Einfluss und die Qualität der Bretter mittlerweile geworden sind - gerade an Tagen mit Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt. Davon gab es in der Schweiz bekanntermaßen einige, in der zweiten Woche der Wettkämpfe fanden die Rennen meist bei zweistelligen Plusgraden statt, also auf immer feuchteren Schnee, der deutlich leichter am Ski pappt und diesen verlangsamt.
Großer Druck auf den Technikern
Wer trotzdem schnell sein will, braucht zwingend das beste Wachs unter dem Langlaufski. Der Druck auf den Servicekräften jedes Teams ist entsprechend groß. Treffen sie vor dem Start die falsche Wahl, hilft auch das beste Training der Athleten oder ein perfektes Schießresultat nicht mehr, um ganz vorne mit dabei zu sein. Dass die Techniker seit der vergangenen Saison auch noch auf Fluorwachs verzichten müssen, ein Mittel, das die Ski normalerweise schnell gemacht hat, dann aber verboten wurde, spielt als weitere Herausforderung mit rein. Keine der Mannschaften kann sich davon befreien.
„Selbst alle großen Nationen hatten ein oder zwei Tage, an denen sie mit dem Material überhaupt nicht auf der Höhe waren“, schilderte DSV-Sportdirektor Felix Bitterling am Sonntag. „Bei diesen Bedingungen ist es einfach brutal schwer, die Ski richtig zu wachsen, da kann man den Technikern auch gar keinen Vorwurf machen.“ Erschwerend kommen die unterschiedlichen Verhältnisse auf den einzelnen Streckenteilen hinzu: „Ein Abschnitt liegt in der prallen Sonne, einer im Schatten, der nächste halb in der Sonne. Dazu wird noch mit Salz gearbeitet, wobei niemand so recht weiß, wie das eigentlich nachreagiert.“ Eine äußerst heikle Kombination, wie es scheint.
Mitunter drei bis vier verschiedene Schneearten und eine ziemlich anspruchsvolle Loipe - für die Wachser macht es das keinesfalls leichter, der Wirbel um das Material war im Laufe der WM daher immer wieder vorprogrammiert. Unter anderem im Einzel der Männer, als sogar das eigentliche Superteam aus Norwegen daran verzweifelte. „Wir haben ein unglaublich gutes Schmierteam, aber ich denke, wir müssen einfach festhalten, dass die Ausrüstung heute nicht perfekt war. Der Traum von der Medaille ist sofort dahin“, ärgerte sich Endre Strömsheim, als Neunter noch bester Läufer seines Teams.
„Unterschied zwischen vier oder fünf Treffern“
„Wenn das Material nicht so gut ist, musst du mehr Energie auf der Strecke aufbringen. Und das bringst du dann an den Schießstand mit. Das kann den Unterschied machen zwischen vier oder fünf Treffern“, rechnete Johannes Thingnes Bö schonungslos ehrlich vor. Tobias Dahl Fenre, Mitarbeiter vom norwegischen Wachsteam, erklärte dem NRK daraufhin, dass er sich mit seinen wütenden Athleten treffen und sich für die mangelhafte Ausrüstung entschuldigen wolle. Denn auch ihm war natürlich bewusst: Je länger die Laufrunde, desto größer der Einfluss. Im Massenstart und im Einzel, den beiden längsten Distanzen, fallen die Ski eben am meisten ins Gewicht.
Diese Thematik dürfte sich in den kommenden Jahren nicht aus der Welt schaffen lassen. Durch die globale Klimaerwärmung werden die Temperaturen weiter steigen und in neue Höhen befördert, Rennen mit ähnlichen Bedingungen wie in der Schweiz also tendenziell häufiger - und die richtige Präparation des Materials gleichzeitig wichtiger. Für den Zuschauer auf den ersten Blick oft gar nicht sichtbar und greifbar, ist es für die besten Athletinnen und Athleten der Gamechanger schlechthin, um sich entscheidend von den anderen abzusetzen. Auch Preuß kann ein Lied davon singen.