Das letzte Rennen des Winters lief versöhnlich – und Biathlon-Deutschland durfte tatsächlich noch kurz hoffen, dass die historisch schwache Bilanz durchbrochen wird. Trotzdem steht nun fest: Erstmals in der Historie gab es in diesem Winter keinen einzigen deutschen Weltcupsieg.
Deutscher Biathlon-Tiefpunkt perfekt: "Das ist zu wenig"
Tiefpunkt perfekt: „Zu wenig“
Die Herren hätten im letzten Rennen des Winters fast doch noch die Durststrecke durchbrochen, doch Philipp Nawrath verpasste im Massenstart am Holmenkollen von Oslo den Erfolg als Zweiter hauchdünn.
Biathlon: Deutschland historisch schlecht
Kein einziger Sieg, nur acht Podestplätze – und lediglich Rang fünf in der Nationenwertung der Frauen: In fast allen Kategorien stellte das lange Zeit erfolgsverwöhnte Team des Deutschen Skiverbandes (DSV) Negativrekorde auf, auch Nawraths starker Abschluss am legendären Holmenkollen konnte über die riesigen Baustellen nicht hinwegtäuschen. Vor allem die Konkurrenz aus Norwegen und Frankreich ist weit enteilt.
„Es geht aus deutscher Sicht in die falsche Richtung“, monierte der scheidende Sportdirektor Felix Bitterling im ZDF. Der Anspruch sei „ein anderer“. Man müsse sich „Gedanken für die Zukunft machen“, forderte Frauen-Coach Kristian Mehringer. Denn im Moment, ergänzte Trainerkollege Sverre Olsbu Röiseland, sei die Mannschaft nach dem Rücktritt von Franziska Preuß „noch nicht gut genug“.
Der bisherige Negativrekord lag bei drei Erfolgen in der Saison 2020/21, im besten Winter 2007/08 waren es gar 24 Triumphe. Acht Podestplätze sind auch nur etwas mehr als halb so viele wie bei der bisherigen Tiefmarke von 14 aus der Saison 2013/14, im Rekordwinter 2006/07 waren es mit 72 fast zehnmal so viele Platzierungen unter den besten drei.
Bezeichnend für den enttäuschenden Winter: Als Marlene Fichtner und Leonhard Pfund im Single Mixed von Nove Mesto sensationell auf Platz eins ins Ziel kamen und vermeintlichen den ersten Sieg des Winters holten, wurden sie im Anschluss disqualifiziert.
Herrmann-Wick: „Das ist zu wenig“
„Das ist eine knallharte Bilanz“, sagte ZDF-Expertin Denise Herrmann-Wick. Es sei „zu wenig“ und man müsse jetzt auch „kritisch“ sein. Rang fünf in der Nationenwertung rettete die deutsche Frauen-Mannschaft auf der Zielgeraden Rang nur mit Mühe. Damit behält der DSV zwar sechs Startplätze, dennoch ist auch dieses Abschneiden schlechter denn je. Zwischen 2014 und 2018 hatte es vier erste Plätze in Serie gegeben, seit Einführung der Wertung 1999 lag Deutschland 13-mal vorne.
Auch bei den Männern um Anführer Nawrath lief es kaum besser, gerade zu den Norwegern und Franzosen gibt es einen Klassenunterschied. „Wir waren nicht unbedingt zufrieden mit den Ergebnissen“, sagte Lauftrainer Jens Filbrich. Mit einer schnellen Trendwende ist nicht zu rechnen.
„Das geht nicht von heute auf morgen“, sagte Mehringer. Es sei „im Ausdauersport nicht so, dass man durch Hauruck-Aktionen etwas Krasses verändern kann in kurzer Zeit“, so Herrmann-Wick.
Voigt und Nawrath sorgen für Lichtblicke
Das Abschlusswochenende am Holmenkollen machte zumindest etwas Hoffnung. Die Aufholjagd von Vanessa Voigt von Rang 16 auf sechs mit der zweitbesten Tageszeit sowie die beste Laufzeit von Julia Tannheimer im Verfolger am Samstag waren Lichtblicke, im Massenstart wurde Janina Hettich-Walz als beste DSV-Athletin Zehnte.
Bei den Männern war Nawrath im 58. und letzten Saison-Rennen so nah dran am Sieg wie noch nie in diesem Winter, letztlich fehlten im Massenstart über 15 km nach fehlerfreiem Schießen nur 3,8 Sekunden auf den Norweger Johan-Olav Botn. „Es ist super, ein geniales Gefühl so aus der Saison zu gehen. Schöner kann man es sich nicht wünschen“, sagte Nawrath.
Der persönliche Höhepunkt wiegt den strukturellen Tiefpunkt allerdings nicht auf: In der achtmonatigen Sommerpause hat der DSV mit dem neuen Sportdirektor Bernd Eisenbichler viel Bedarf zur Aufarbeitung der historischen Negativ-Saison. Bis zum kommenden Winter müsse, so Olympiasiegerin Herrmann-Wick, wieder „eine Aufbruchstimmung her“.
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)