Das Material war verladen, die Athleten, Trainer und ihr Servicepersonal am Sonntag schon von den Weltmeisterschaften in Trondheim abgereist. Tags zuvor gewann der Slowene Domen Prevc die letzte Entscheidung im Skisprung in Trondheim, doch einen großen Knall hatten die Titelkämpfe noch in petto.
WM-Skandal: Skisprung-Ikone hat Idee
Allerdings keinen sportlichen, sondern einen, der die Glaubwürdigkeit einer ganzen Sportart schwer beschädigte: Wie Norwegens Sportdirektor Jan Erik Aalbu eingestand, habe sein Verband wissentlich betrogen.
Viele direkt und indirekt Beteiligte wie Andreas Wellinger oder ARD-Experte Sven Hannawald reagierten geschockt. Bislang aber ist das wahre Ausmaß des Skandals gar noch nicht absehbar. Für Skisprung-Ikone Jens Weißflog steht lediglich fest: „Es muss sich jetzt etwas ändern, vor allem für die Zuschauer.“
„Ansonsten“, so der 60-Jährige im Gespräch mit SPORT1, „verlieren die Fans den Glauben und den Spaß an einem Sport, den sie so lieben.“ Schließlich hatte es schon lange vor dem denkwürdigen WM-Finale Vermutungen über Unregelmäßigkeiten gegeben.
„Das ist schon sehr verwunderlich“
„Es gab eine Entwicklung dahingehend, dass da etwas im Raum stand. Was für jemanden, der nicht vor Ort war, am Anfang schwer zu verstehen war: Die Anzüge werden vom Kontrolleur freigegeben und passen am Ende trotzdem nicht“, sagt Weißflog und fragt: „Was ist da los?“
Erst am Samstag brachten den Medien zugespielte Videos Licht ins Dunkel. Sie zeigten, wie das norwegische Team im Beisein von Cheftrainer Magnus Brevig die Wettkampfanzüge manipulierte - und zwar im Nachhinein, nachdem sie von Kontrolleuren begutachtet und mit entsprechenden Prüfchips versehen worden waren.
An zwei Anzügen hatten die Norweger eine nicht erlaubte Naht angebracht, die für mehr Stabilität sorgen und den Springern in der Luft beim Fliegen helfen sollte. Marius Lindvik, der den Weltmeistertitel auf der Normalschanze vor Wellinger gewonnen hatte, und Johann André Forfang wurden für das Einzel von der Großschanze nachträglich disqualifiziert. Was blieb, war Verwirrung, Entsetzen und ein stark angekratztes Image des Skispringens.
Drei Teams - Slowenien, Polen und Österreich - legten umgehend Protest ein. Lindvik und sein Kollege Forfang selbst wollen von den Machenschaften ihres Teams unterdessen nichts gewusst haben. „Für mich sind diese Aussagen, dass etwas Neues im Anzug ist und man es nicht merkt, nur schwer nachvollziehbar“, rätselt Weißflog. „Ich weiß nicht, wie das Band aussieht, das da eingenäht ist. Aber eigentlich müsste man spüren, dass da etwas dazwischen ist - das ist schon sehr verwunderlich.“
Aus Österreich soll es neben dem Protest sogar Forderungen gegeben haben, den norwegischen Skispringern und Kombinierern alle WM-Medaillen abzuerkennen. Einen möglichen Betrug schon in den ersten beiden Trondheim-Wochen mochte Weißflog den Skandinaviern jedoch nicht unterstellen: „Das ist reine Spekulation. Lindvik wird das vorgeworfen, weil er bis zur WM nicht stark war, in Trondheim aber schon. Dasselbe könnte man aber auch über Wellinger oder Karl Geiger sagen. Man kann es hinterfragen oder es als Tatsachenentscheidung stehen lassen“.
Weißflog hat Idee für Regeländerung
Die Diskussionen um das Material und die Kontrollen seien „eine Problematik, die uns permanent beschäftigt“, schilderte Weißflog weiter, „genau deshalb gibt es permanente Kontrollen und permanente Disqualifikationen. Aber mittlerweile ist die ganze Geschichte einfach viel zu komplex geworden - sowohl für die Athleten als auch für die Kontrolleure. Vielleicht sollte man zu den Wurzeln zurückkehren und die Sache wieder vereinfachen.“ Wie eine mögliche Lösung aussehen könnte? Die Skisprunglegende hat eine Idee.
„In den Jugendwettkämpfen der Nordischen Kombination gibt es zum Beispiel einheitliche Langlaufskier. Vielleicht könnte man so etwas auch auf das Skispringen übertragen und einheitliche Anzüge einführen. Dann gibt es bestimmte Konfektionsgrößen, mit denen die Springer zurechtkommen müssen oder auch nicht“, erklärt der dreimalige Olympiasieger, der seinerzeit den radikalen Technikwechsel vom Parallel- zum V-Stil gemeistert hat.
Ein anderer Weg wäre laut Weißflog, „die fünf Zentimeter, die der Anzug größer sein darf als die Körpergröße, zu verbannen und zu sagen: Entweder es gibt hautenge Anzüge oder die Größe ist nach oben frei“, so der Mann aus dem Erzgebirge, für den klar ist: „Es ist schon viel vom Weltverband angepasst worden. Trotzdem bleibt das Gefühl: Man reagiert nur auf Probleme und hat selten das Heft des Handelns in der Hand.“
Ein Problem, das dem Skispringen nun um die Ohren fliegen könnte. Nach dem Anzug-Skandal spricht in Trondheim niemand mehr über die sportlichen Leistungen. Überall bestimmen Materialfragen die Schlagzeilen. Und weil dort so viele Fragen offen sind, ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.