Er schien nicht mehr als ein Notnagel zu sein, um seinen Hauptarbeitgeber WWE aus einer verletzungsbedingten Zwickmühle zu befreien. Mittlerweile hat die Geschichte ein ebenso phänomenales wie faszinierendes Eigenleben entwickelt.
Ein maskierter Deutscher wird in Mexiko zur Wrestling-Sensation
Ein Deutscher elektrisiert Mexiko
Der deutsche Wrestler Marcel Barthel alias Ludwig Kaiser hat in seiner aktuellen Rolle als maskierter „El Grande Americano“ unverhofft eine riesige Erfolgsgeschichte geschrieben: Der Legendensohn aus Pinneberg hat sich innerhalb weniger Monate vom Nebendarsteller bei WWE zu einem der größten Stars und Publikumslieblinge der traditionsreichen Showkampf-Hochburg Mexiko entwickelt.
Am Wochenende hat Kaiser in der Millionenstadt Puebla unter lautstarkem Jubel das traditionsreiche Turnier Rey de Reyes (König der König) der mexikanischen Liga AAA gewonnen, im vergangenen Jahr von WWE gekauft, um mit ihr den lukrativen lateinamerikanischen Markt zu erobern.
Der deutsche Amerika-Legionär spielt bei diesem Projekt nun überraschend eine Hauptrolle – aufgrund recht zufälliger Umstände, die Kaiser gekonnt zu seinen Gunsten genutzt hat.
WWE betraute Ludwig Kaiser mit Mission in Mexiko
Kaisers aktuelle Rolle als „El Grande Americano“ ist ein Charakter, der eigentlich für seinen WWE-Kollegen Chad Gable entwickelt worden war: Der frühere Olympia-Ringer begann die als Parodie auf die mexikanische Wrestling-Tradition konzipierte Figur im vergangenen Frühjahr zu porträtieren.
Gable, frustriert über mehrere Niederlagen gegen mexikanische Stars, begann sich als maskierter Luchador auszugeben, der in Mexiko vorgeblich einen ähnlich ikonischen Rang wie die Legenden El Santo und Mil Mascaras haben sollte.
Americano wurde aufgebaut als Schurkencharakter für die mexikanisch-amerikanische Fanbase – und Schlüsselfigur für das Zusammenspiel zwischen WWE und der im selben Zeitraum aufgekauften AAA. Unter anderem sollte Gable bei der letztjährigen Ausgabe der Megashow WrestleMania einen unfairen Sieg über Lucha-Idol Rey Mysterio feiern – der wegen eines kurzfristigen Verletzungsausfalls durch Rey Fenix ersetzt wurde.
Zwei Monate später verletzte sich auch Gable und musste wegen einer Schulter-OP lange pausieren – an dieser Stelle kam Kaiser ins Spiel.
El Grande Americano bei AAA ganz oben
Der Sohn der deutschen Nachkriegs-Catchlegende Axel Dieter wurde mit dem Job betraut, Gable in dessen Abwesenheit zu ersetzen. Es gelang ihm so gut, dass eine überraschende Eigendynamik entstand.
Die mexikanischen Fans entwickelten Sympathie statt Aversion für die unterhaltsamen Auftritte Kaisers und die an seine Seite gestellten Handlanger Rayo Americano und Bravo Americano (die britischen Edeltechniker Tyler Bate und Pete Dunne): Er wurde zum Publikumsliebling, dessen Popularität inzwischen erstaunliche Ausmaße angenommen hat.
Als Gable zu Beginn des Jahres wieder fit wurde, wurde er in die Story integriert: Als „Original Grande Americano“ hat er es sich in Mexiko zur Mission gemacht, seinen Nachfolger als Betrüger zu entlarven, der die Fans mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und falschem Spanisch hinters Licht geführt hätte.
Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die Geschichte am Wochenende bei Rey del Reyes, wo beide Americanos im finalen Vierkampf um die Turniertrophäe antraten. Kaiser setzte sich durch – emotional sichtlich überwältigt von der begeisterten Reaktion des elektrisierten Publikums vor Ort.
Wird er nun auch Champion?
Der 36 Jahre alte Kaiser (der bei WWE in den USA weiter den Bösewicht spielt) ist in Mexiko, wo die Verehrung für das Wrestling quasi-religiösen Charakter hat, somit überraschend in die Fußstapfen nationaler Legenden getreten. Und er könnte in der Hierarchie sogar noch weiter aufsteigen.
Als Rey-de-Reyes-Sieger ist Americano nun automatisch Top-Herausforderer von AAA-Champion Dominik Mysterio, ein großes Duell und womöglich auch der bislang größte Titelgewinn seiner Karriere bahnt sich an.
Man kann nur ahnen, wo die Welle der Popularität den falschen Amerikaner aus Deutschland in Mexiko noch hinträgt.