Es ist ein Ritual, das bei WWE-Stadionshows eigentlich immer groß zelebriert wird. Umso auffälliger, dass der Wrestling-Marktführer es diesmal wegließ – das erste Mal seit vielen Jahren.
Das heikle Thema, das WWE beim SummerSlam verschwieg
Das Thema, das WWE verschwieg
Beim zweitägigen Megaevent SummerSlam 2026 am Wochenende verkündete die Liga den Fans vor Ort keine Zuschauerzahlen. Ein überdeutliches Zeichen dafür, dass die Verantwortlichen nicht zufrieden sind mit dem Fan-Aufkommen in Minneapolis – mit dem sich ein für WWE unerfreulicher Trend zu verfestigen scheint.
WWE SummerSlam lockt weniger Fans als erwartet
Wie das auf Zuschauerzahlen spezialisierte Portal WrestleTix berichtet, waren am Samstag an die 36.000 Zuschauer in der NFL-Arena der Minnesota Vikings, am Sonntag lockte der Hauptkampf zwischen World Champion Roman Reigns und Seth Rollins knapp über 33.000.
Das U.S. Bank Stadium in Minneapolis bietet theoretisch Platz für bis zu 70.000 Fans. Und auch wenn ein ausverkauftes Haus keineswegs der Gradmesser ist: So viele leere Plätze hatte WWE offensichtlich nicht erwartet – zumal die Show auch „heavily papered“ war, wie Szene-Guru Dave Meltzer in seinem Wrestling Observer Radio berichtet. Demzufolge saßen viele Zuschauer mit kostenlosen oder stark vergünstigten Tickets in der Arena.
Bereits seit einigen Wochen kursieren in US-Wrestlingmedien Berichte, dass die WWE-Verantwortlichen „besorgt“ über die Ticketabsätze für den SummerSlam gewesen wären.
In den Zahlen, die am Ende herausgekommen sind, mochte sich WWE am Wochenende offensichtlich nicht öffentlich sonnen. Meltzer spekuliert, dass es auch damit zu tun haben könnte, dass Konkurrent AEW Ende August bei der (eintägigen) Megashow All In im Londoner Wembley-Stadion auf bessere Zuschauerwerte kommen dürfte. Aktuell sind hierfür laut WrestleTix 33.500 Karten abgesetzt.
Auch an der Börse fällt es negativ auf
Beim SummerSlam im vergangenen Jahr – dem ersten, bei dem sich der Sommerhöhepunkt über zwei Tage erstreckte – lockte WWE an Tag 1 53.000 und an Tag 2 60.500 Fans ins MetLife Stadium bei New York.
Und auch wenn stets Vorsicht dabei geboten ist, zwei sehr unterschiedliche regionale Märkte zu vergleichen: In der Finanzwelt hat der Rückgang schon für Gesprächsstoff gesorgt.
Die vergleichsweise niedrigen Verkaufszahlen des SummerSlam waren Thema in einem Ende Juli veröffentlichten Analysepapier der Bank JP Morgan, das sich mit dem Börsenwert von Mutterkonzern TKO befasste.
Weil in diesem Jahr auch die Zuschauerzahlen der Traditionsshow Monday Night RAW auf dem Streaming-Portal Netflix bislang unter denen des Vorjahrs geblieben sind, sprechen die Aktienexperten von einer „Fanunzufriedenheit“, die man „im Auge behalten“ sollte – wenngleich man sie „noch nicht“ als „strukturelles Problem“ bewerten sollte.
Aufbruchstimmung unter Triple H wirkt verflogen
Der JP-Morgan-Report hat in der Szene einiges an Staub aufgewirbelt. Es begannen sogar Spekulationen, dass WWE-Präsident Nick Khan und der für Kreativ- und Talentpolitik verantwortliche Vorstand „Triple H“ Paul Levesque unter Druck geraten könnten.
Der bekannteste Szeneinsider Meltzer sieht in dieser Hinsicht zwar keine akute Gefahr: Ihm zufolge dürften Khan und Levesque bis mindestens 2028 fest im Sattel sitzen – dem Jahr, in dem neue Verhandlungen um die 2029 auslaufenden TV- und Streamingdeals ihre Schatten vorauswerfen werden.
Nichtsdestotrotz: Die Aufbruchstimmung nach der Machtübernahmevon Khan und Levesque infolge des Skandal-Sturzes von Ligagründer Vince McMahon Anfang 2024 scheint verflogen.
Negative Themen rückten 2026 in den Fokus
Zum damaligen Zeitpunkt hatte Levesque WWE zum größten Popularitätshoch seit Jahrzehnten geführt, nach diversen Kriterien gar dem größten der Geschichte.
Allgemeine Euphorie über den Neustart nach den aus Sicht vieler Fans bleiernen letzten McMahon-Jahren trug dazu ebenso bei wie die vielgelobte Story um Roman Reigns‘ Bloodline-Gruppierung und die erfolgreichen Comebacks der Topstars Cody Rhodes und CM Punk von Konkurrent AEW. Im vergangenen Jahr hielt die kommerziell enorm erfolgreiche Abschiedstournee von Megastar John Cena das Interesse hoch.
Inzwischen wirkt der Zenit der Boomphase überschritten, das aktuelle Storygeschehen hat nicht mehr das Momentum von damals – obwohl WWE sichtlich bemüht ist, Stillstand zu vermeiden und laufend neue Stars wie Bron Breakker, Trick Williams, Sol Ruca, Je’Von Evans und Oba Femi zu etablieren.
Speziell in diesem Jahr gerieten dennoch mehr und mehr negative Themen in den Fokus – etwa der Fan-Ärger über die beispiellos missglückte WrestleMania-Story um Star-Podcaster Pat McAfee, der Verdruss über eine große Trennungswelle im Frühjahr und zunehmende Kritik, dass die kommerziellen Interessen von TKO im WWE-Produkt inzwischen zu viel Raum einnehmen würden.
Von einer Krise im eigentlichen Sinne kann trotz allem nicht die Rede sein, alles in allem läuft das WWE-Geschäft immer noch gut. Ein Schuss vor den Bug ist der Mangel an Fan-Euphorie um die zweitgrößte Show des Jahres aber allemal.