Es ist kein Geheimnis, wie sehr Brasilien den Fußball liebt. Dieser ist in der Identität des Landes so tief verwurzelt, dass brasilianische Fans auch in anderen Sportarten gerne eine Fußballatmosphäre kreieren. Bestes Beispiel dafür sind die Matches von Joao Fonseca.
French Open: Hype um Tennis-Star zeigt seine Schattenseiten
Von Zverev inspiriert, von Nadal motiviert
Spielt Brasiliens neuer Tennis-Held, herrscht Ausnahmezustand auf den Tribünen. Das betrifft aber nicht nur Partien in der Heimat. Auf der ganzen Welt wird Fonseca von treuen Fans unterstützt, so auch beim ATP-Masters in Rom im Duell mit Hamad Medjedovic.
Die Stimmung kochte dabei so über, dass nicht nur der Serbe, sondern auch Fonseca genervt war. „Brasilianische Fans denken manchmal, es sei ein Fußballspiel“, sagte der 19-Jährige bei ESPN Brasil: „Ich liebe die Zuschauer, aber es muss ein gewisses Maß geben. Es stört nicht nur den anderen Spieler, sondern auch mich.“
Hype um Fonseca bringt auch Nachteile mit sich
Für Fonseca, der die Stimmung zwischendurch auch mal selbst angeheizt hatte, birgt das eine weitere Gefahr. Denn durch die teils an der Grenze des Fairplays vorherrschende Stimmung steigt auch die Missgunst gegenüber Fonseca – ob unverschuldet oder nicht.
Selbst neutrale Tennis-Fans bejubeln immer öfter seine Niederlagen und auch Spieler scheinen zunehmend genervt vom Hype. So machte Medjedovic nach dem Sieg erstmal genüsslich die „Night Night“-Geste von NBA-Star Stephen Curry als Zeichen an die Zuschauer, sie können sich endlich schlafenlegen, andere Profis wirken genervt, wenn sie nach Fonseca gefragt werden.
Ein Sieg gegen den Brasilianer und seine Fans scheint sich für manchen Spieler extra gut anzufühlen. Keine leichten Voraussetzungen für einen jungen Spieler, der nebenbei noch lernt, mit dem enormen Druck aus der Heimat umzugehen. Siege werden oft jenseits aller Vernunft überhöht, Niederlagen sind ein kleines Desaster. Viel Druck für einen 19-Jährigen.
Für Fonseca ist der Umgang mit dem Druck aber auch ein Teil der Faszination Tennis. „Eine Zeit lang habe ich parallel Tennis und Fußball gespielt. Aber was mich am Tennis fasziniert hat, ist, dass es ein Einzelsport ist. Man muss allein mit dem Druck und den Problemen auf dem Platz umgehen. Ich habe mich in diesen Sport verliebt“, sagte er im exklusiven Gespräch mit SPORT1.
Schnellerer Aufstieg als bei Alcaraz und Sinner
Auch weil die Ergebnisse in der Jugend vielversprechend waren, entschied er sich letztendlich für Tennis – und es scheint die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Sein erstes komplettes Jahr auf der Tour schloss er als Nummer 25 der Welt ab. Zum Vergleich: Alcaraz schaffte es bis auf Rang 32 in seinem ersten ganzen ATP-Jahr, Sinner auf Platz 37.
Zu jenen beiden will Fonseca auch in Zukunft aufschließen: „Es ist natürlich ein Traum, gegen sie zu spielen, in die Top 5 oder auf Rang 1 zu kommen. Es ist definitiv etwas, das ich im Kopf habe. Aber es ist nichts, was ich im Moment kontrollieren kann. Ich brauche Zeit, ich muss das Spiel noch besser verstehen, meine Grenzen kennenlernen und wissen, was ich verbessern muss.“
Dennoch wäre er langfristig gerne der dritte Mann im Bunde – so wie einst Novak Djokovic, als dieser in die Phalanx von Roger Federer und Rafael Nadal brach. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Nach seinem Durchbruch erlebt Fonseca, dass das verflixte zweite Jahr für Aufsteiger oft besonders knifflig ist, da die Gegner sich auf das eigene Spiel eingestellt haben.
Fonseca plagte zudem zu Beginn des Jahres eine chronische Rückenverletzung, dahinter steckt das angeborene Flachrücken-Syndrom. Seit er vor fünf Jahren einen Ermüdungsbruch in dieser Gegend erlitten hatte, ist der untere Rücken der empfindlichste Bereich seines Körpers. Profi-Tennissport ist möglich, doch ständige Sorgfalt ist nötig, um einen Rückfall zu verhindern.
Tennis-Star fühlte sich von Zverev inspiriert
Doch nicht nur sein Körper braucht Pflege, auch Spiel braucht noch Feinschliff – das machten nicht zuletzt die Duelle mit Alcaraz und Sinner deutlich. „Sie haben noch ein viel größeres Arsenal, wie den Slice oder ihre Fähigkeiten am Netz. Zudem ist ihr Aufschlag gut, sodass man kaum eine Schwäche sieht, wenn man gegen sie spielt“, erklärte Fonseca.
Chancenlos war der Brasilianer mit der Monster-Vorhand dennoch nicht, so zwang er Sinner im Duell in Indian Wells zweimal in den Tiebreak, was nicht viele Spieler in diesem Jahr von sich behaupten können. Sogar noch näher dran an einer Überraschung war Fonseca in Monte Carlo bei der knappen Dreisatz-Niederlage gegen Alexander Zverev.
Der Teenager nahm dennoch einiges daraus mit: „Es war ein wichtiges Match, um zu sehen, auf welchem Level ich mich befinde, wie diese Jungs gegen mich agieren, wie sie bei den wichtigen Punkten spielen und wie sie mit Druck umgehen.“ Aber auch für Zverev hatte er Lob parat: „Er ist jemand, der ebenfalls sehr schnell und sehr jung auf die Tour gekommen ist. Er hat mich als kleiner Junge definitiv inspiriert.“
Noch größere Inspirationen waren für ihn aber neben Brasiliens Volksheld Gustavo „Guga“ Kuerten, der dreimal die French Open gewann, Federer und Nadal. Von letzterem hatte er sogar lange einen Spruch als Handy-Sperrbild. „Es war ein Zitat von Rafa über Reife und harte Arbeit. Dieses Zitat hat mich sehr inspiriert. Es hat mich motiviert, weiter hart an mir zu arbeiten, um von Tag zu Tag besser zu werden“, verriet Fonseca SPORT1.
Inzwischen ist Nadals Spruch einem gemeinsamen Bild mit seiner Freundin zum Opfer gefallen – doch im Kopf ist dieser weiterhin präsent. Fonseca weiß, dass er noch einen langen Weg vor sich hat und vor allem an seiner Konstanz arbeiten muss. Während er als Junior oft durch schiere Schlagkraft gewann, muss er nun lernen, auch an schlechten Tagen Lösungen zu finden.
Fonseca will bei den French Open für Furore sorgen
Das wird er auch bei den French Open (täglich im LIVETICKER) unter Beweis stellen dürfen. Dort erreichte er im vergangenen Jahr die dritte Runde – zum Auftakt 2026 steht ein Duell mit Luka Pavlovic (Frankreich) an. Trotz Brasiliens Vorliebe für Sand, die sein großer Vorgänger Kuerten im Tennis umso mehr verstärkt hat, weiß Fonseca aber noch nicht, ob dies in Zukunft auch sein liebster Belag sein wird.
„Ich bin auf Sand groß geworden und habe immer darauf gespielt, aber heutzutage wird auf der Tour generell mehr auf Hartplatz gespielt. Deshalb habe ich zuletzt mehr dort gespielt und fühle mich damit wohl. Für den Moment sage ich aber Sand, weil wir in der Sandsaison sind“, sagte Fonseca und fügte lachend hinzu: „Hoffentlich wird in der Zukunft Rasen mein Lieblingsbelag.“
Vor Wimbledon geht es aber erst nach Paris – garantiert mit von der Partie werden dann auch wieder Hunderte brasilianische Fans sein und die Anlage in ein Tollhaus verwandeln. Es bleibt abzuwarten, ob diese dem Wunsch Fonsecas, „ein gewisses Maß“ einzuhalten, Folge leisten.