Manchmal schreibt das Leben Geschichten, mit denen hätte der Betroffene kurz zuvor wohl selbst kaum gerechnet. Eine solche Geschichte, genauer gesagt ein Märchen, ereignet sich gerade im All England Lawn Tennis and Croquet Club in London.
Kurioser Zverev-Gegner in Wimbledon! Er ließ sich extra noch operieren
Der Märchenschreiber von Wimbledon
Beim ältesten und prestigeträchtigsten Tennisturnier der Welt steht überaus überraschend bei den Männern ein Wildcard-Inhaber in der Runde der letzten Vier. Der Glückliche hört auf den Namen Arthur Fery und darf sich am Freitag im Wimbledon-Halbfinale gegen French-Open-Sieger Alexander Zverev beweisen (ab 14.30 Uhr im LIVETICKER).
Als 114. der Weltrangliste rutschte der in Frankreich geborene Engländer ins Hauptfeld des Grand-Slam-Turniers, seither zelebriert er einen außergewöhnlichen Durchmarsch.
Als Wildcard-Inhaber ins Halbfinale
Damir Dzumhur, Otto Virtanen, Zizou Bergs, Grigor Dimitrow und im Viertelfinale French-Open-Finalist Flavio Cobolli: Fünf Spieler konnte der Lokalmatador bereits besiegen, was ihm eine überaus besondere Statistik einbrachte.
Fery ist erst der vierte Wildcard-Spieler der Open Era, der im Männer-Einzel eines Grand Slams das Halbfinale erreicht – und erst der zweite in Wimbledon nach Goran Ivanisevic. Der Kroate krönte 2001 sein Sensations-Turnier sogar mit dem Titel.
Davon will Fery aber noch gar nichts wissen. „Ich werde nicht zu viel spekulieren oder vorausdenken, wie das sein könnte“, meinte er nach seinem Viertelfinale gegen Cobolli: „Ich werde einfach weiter an mein Match am Freitag denken – und dann schauen wir, wie es läuft.“
Fery mit Durchmarsch in Wimbledon
Dass sein Match am Freitag eine andere Angelegenheit werden dürfte, ist dem 23-Jährigen derweil völlig klar. „Zverev ist nochmal ein größeres Level“, konstatierte er – und zeigte sich im gleichen Atemzug bereits wieder angriffslustig.
„Aber ich bin bereit. Ich habe nichts zu verlieren. Ich werde einfach rausgehen, mein Spiel zeigen und das tun, was ich bisher getan habe“, meinte der Shootingstar: „Mal sehen, wohin mich das führt.“
Dass ihn sein Spiel in Wimbledon derart weit führen würde, damit hätte wohl kaum ein Tennis-Beobachter gerechnet. Nie zuvor hatte Fery bei einem Grand Slam zwei Siege in Folge errungen, geschweige denn fünf.
Tennislegende John McEnroe beeindruckt von Fery
Außerordentlich hilfreich war dabei bislang in jedem Fall die Nervenstärke des Briten. „Für jemanden, der völlig unerwartet so weit gekommen ist, scheint ihn der Moment in keinem Match zu überwältigen“, zeigte sich Tennislegende John McEnroe jüngst angetan.
Ex-Profi Tim Henman lobte vor allem die Klarheit im Spiel des Briten: „Er hat einen guten Tennis-IQ, er ist ein phänomenaler Mover. Die Art, wie er den Anlass gehandhabt hat, ist makellos.“
Zumal er bereits in den Runden zuvor Nervenstärke bewiesen hatte. Mehrfach stand er kurz vor dem Aus, in der dritten Runde drehte er gegen Zizou Bergs ein Fünf-Satz-Drama und kämpfte sich in den entscheidenden Satz-Tiebreak.
Nasenbluten und OP während Wimbledon
Problematisch dabei: Fery hatte gleich dreimal mit Nasenbluten zu kämpfen. Ein Problem, welches ihn wieder und wieder auf dem Tennisplatz beschäftigt.
Deswegen unterzog sich der Shootingstar mitten im Turnier sogar einer kleinen OP! Nach dem Sieg gegen Bergs wurden beim Briten Blutgefäße in der Nase verödet. „Ich habe mich hier an meiner Nase einem kleinen Eingriff unterzogen“, berichtete er: „Eine Kleinigkeit. Nichts Großes. Es hat nicht wehgetan.“
Der Eingriff hatte aber offensichtlich den erwünschten Effekt und Fery hat jetzt eine Ablenkung weniger: „Das schien zu helfen. Ich habe auch versucht, die Nase nicht direkt mit einem Handtuch abzuwischen. Ich glaube, das hat auch irgendwie nicht geholfen – es war also eine Kombination aus verschiedenen Dingen und auch ein bisschen Glück.“
Wird Zverev für Fery zu stark?
Im Duell gegen Zverev könnte aber auch noch etwas anderes bedeutsam, vielleicht aber auch problematisch werden: Von den 128 Männern der Wimbledon-Konkurrenz ist Fery mit 1,75 Metern der viertkleinste. Beim Thema Aufschlag und gegen den 1,98 Meter großen Zverev alles andere als ein Vorteil.
Einschüchtern lassen dürfte sich der Emporkömmling, dessen millionenschwerer Vater Loic Fery als Präsident beim französischen Erstligisten FC Lorient fungiert, davon aber nicht, entspricht dies noch nicht seinem Naturell.
„Ich habe immer an mich geglaubt, und auch daran, ein Topspieler dieser Welt zu sein“, sagte Fery nach dem Sieg gegen Cobolli im Viertelfinale.
Ein Topspieler ist man als Wimbledon-Halbfinalist ohne Zweifel. Ob es für den in der Weltrangliste um 112 Positionen besser platzierten Alexander Zverev reicht, wird sich zeigen.
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mit Sport-Informations-Dienst (SID)