Kurz vor seinem Abgang drehte sich Novak Djokovic doch noch einmal um. Erst formte er mit den Händen ein Herz in Richtung des Publikums, dann presste er die Handflächen aneinander. Es wirkte fast wie eine Entschuldigung an alle seine Fans.
Ist das Ende von Novak Djokovic näher als gedacht?
Bleibt nur noch die Kapitulation?
Wenige Sekunden später verschwand der Tennis-Superstar nach seiner Erstrundenniederlage bei den US Open gegen Mariano Navone in den Katakomben. Zurück bleiben viele offene Fragen. Aber vor allem eine: War es das?
„Ich möchte nicht so sehr in die Tiefe gehen“, sagte Djokovic nach dem 6:7 (5:7), 7:5, 6:4, 2:6, 1:6 und blockte auf der Pressekonferenz alle weiteren Versuche der Journalisten nach Auskünften zu einem möglichen Karriereende ab.
Immerhin gab es einen kleinen Trost für den Ausnahmekönner: Das Publikum in New York lag ihm zu Füßen. Dabei hatte Djokovic während seiner Laufbahn immer wieder um die Gunst der Zuschauer kämpfen müssen. „Die Zuneigung und Wertschätzung, die sie mir am Ende entgegengebracht haben, haben mich wirklich tief berührt“, erklärte der Routinier, der viermal in der US-Metropole triumphieren konnte.
Djokovic klagt über körperliche Probleme: „Habe jeden Moment gehasst“
Seine erste Erstrundenniederlage bei den US Open hatte Anzeichen eines möglichen Abschieds. Während des Matches vergoss der 39-Jährige sogar ein paar Tränen.
„Ich habe jeden Moment auf dem Court gehasst“, erklärte Djokovic später schonungslos offen. Der Serbe bekommt seine körperlichen Probleme seit geraumer Zeit nicht in den Griff. Immer wieder musste er sich zuletzt bei längeren Matches übergeben und agierte total kraftlos. Auch in Flushing Meadows setzte sich dieser Trend fort: Djokovic befand sich körperlich absolut am Limit.
„Damit hatte ich leider in diesem Jahr so ziemlich bei jedem Match zu kämpfen“, fügte der schwer niedergeschlagene Superstar nach der Tortur an: „Erbrechen, Übelkeit – ein echtes Problem. Dann fängt mein ganzer Körper an zusammenzubrechen, mit Krämpfen und Schmerzen.“
Djokovic war die personifizierte Resilienz
Dabei war sein Körper im Verlaufe seiner Karriere neben seinem unbändigen Willen Djokovics großes Kapital. Er war die personifizierte Resilienz, befreite sich immer wieder sensationell aus schwierigen Situationen. So schwang er sich mit 24 Grand-Slam-Titeln auf zum erfolgreichsten Spieler der Geschichte vor Rafael Nadal und Roger Federer, die 22 beziehungsweise 20 Majortitel gewonnen haben.
Kein Profi konnte Djokovics elastische Bewegungen bisher annähernd imitieren. Selbst schwere Knieverletzungen schalteten den Superstar nur wenige Wochen aus. Doch nun hat sich das Blatt ganz offensichtlich dramatisch gewendet.
Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass Djokovic bei der Auslosung durchaus Pech hatte. Mariano Navone ist als aktuelle Nummer 49 der Welt einer der unangenehmsten Gegner, die man in einer ersten Runde erwischen konnte. In Bukarest gewann der Argentinier jüngst sogar den ersten ATP-Titel seiner Laufbahn. Und doch hätte ein Djokovic in guter Form gegen Navone wohl wenig Probleme gehabt.
Djokovic wollte Geschichte schreiben
Vor seinem Coup hatte der Südamerikaner bei den US Open nur einen einzigen Sieg errungen – 2024 gegen den Deutschen Daniel Altmaier. In sieben Begegnungen gegen einen Spieler aus den Top 10 hatte er nur einen einzigen Sieg verbuchen können, nämlich in diesem Jahr in Rom gegen Félix Auger-Aliassime.
Ganz anders sehen die Statistiken von Djokovic aus. Er wollte in New York auf die Jagd nach dem historischen 25. Majortriumph seiner Karriere gehen und damit Ken Rosewall als ältesten Grand-Slam-Sieger der Geschichte ablösen. Doch nun wirkt ein Überschreiten der Marke des Australiers, der im Alter von 37 Jahren, einem Monat und 24 Tagen triumphierte, immer unrealistischer.
Die Niederlage gegen Navone beendete zudem Djokovics historische Serie von 78 aufeinanderfolgenden Siegen in der ersten Runde von Grand-Slam-Turnieren. 2006 bei den Australian Open hatte der Serbe letztmals in der 1. Runde gegen den US-Amerikaner Paul Goldstein verloren.
Und bei den US Open hatte Djokovic zuvor seit 37 Partien kein Spiel mehr in den ersten beiden Runden der US Open verloren. Das Duell mit Navone dauerte nun 4:36 Stunden und war damit das längste Erstrundenmatch seiner Grand-Slam-Karriere.
US Open: Ein dramatisches Aus mit bitteren Folgen
Besonders bitter: Djokovic wird nun erstmals seit Juli 2018 aus den Top Ten der Weltrangliste rausrutschen. In diesem Jahr ist er ohne Titel – das gab es in der gesamten Karriere nicht.
Und so drängt sich wieder die große Frage auf: War es das? Ausgerechnet Roger Federer, gemeinsam mit Rafael Nadal der größte Rivale von Djokovic, zeigte dem Serben unter der Woche eine mögliche Perspektive für das Leben nach der aktiven Karriere auf.
In einem Showmatch gegen Andy Roddick ließ sich Federer in New York feiern, ehe er in Newport im US-Bundesstaat Rhode Island in die Hall of Fame des Tennissports aufgenommen wurde.
Ein entspannteres Leben abseits des täglichen Kampfes auf der Tour – ohne Schmerzen, ohne Rückschläge. Vielleicht ist auch Djokovic diesem Kapitel inzwischen näher, als er selbst noch vor wenigen Monaten gedacht hätte.
Mit Sport-Informations-Dienst (SID)